Mittwoch, 5. August 2015

GERMAN MUT


„Mehr Chancen durch mehr Freiheit“ heißt der auf unserem Bundesparteitag unter dem Motto „GERMAN MUT“ beschlossene Leitantrag. Optimismus und Mut sollen einer Mentalität der Angst, der Bedenkenträgerei, der Technikfeindlichkeit und Besitzstandswahrung entgegengesetzt werden. Es geht um einen Mentalitätswandel in unserem Land, um Chancen zu nutzen und menschliche Potenziale zu entfalten. Wir setzen dabei auf Kreativität und Problemlösungskompetenz der Menschen und wenden uns gegen die Zeitkultur der paternalistischen Bevormundung des Fürsorgestaates.

Der Beschluss in Kürze (zitiert nach PORTAL LIBERAL):

1. Willkommen in der Republik der Chancen
Es ist die Überzeugung der Freien Demokraten, dass jeder Mensch etwas bewegen kann. Jeder verdient eine Chance, dem Leben eine eigene Richtung zu geben, Verantwortung zu übernehmen und Träume zu verwirklichen. „Neue Technologien, neue Ungewissheiten und neu Krisen fordern uns dabei heraus: Wir leben in einer Zeit des beschleunigten Wandels“, heißt es in dem Beschluss. Für die Herausforderungen von Globalisierung, Digitalisierung und Demografischem Wandel gibt es keine fertigen Antworten.

2. Mit der weltbesten Bildung für jeden
„Nur ein Mensch, der gelernt hat, seine Welt zu verstehen, wird darin auch seinen eigenen Weg finden.“ Deswegen komme es in der Republik der Chancen darauf an, „was ein Mensch kann, und nicht, woher er kommt oder welchen sozialen Status seine Eltern haben“, heißt es in dem Papier. „Wir wollen nicht, dass Armut vererbt und Talente vergeudet werden.“ Jeder Mensch soll sein Leben lang sein volles Potenzial ausschöpfen können. Dafür braucht jeder Einzelne die weltbeste Bildung.

3. Vorankommen durch eigene Leistung
Die Freien Demokraten wollen, dass Menschen auf ihrem Weg vorankommen, über sich hinauswachsen und ihre Ziele erreichen. „Und dass sie eine zweite oder dritte Chance erhalten, wenn sie scheitern.“ Es gehe dabei um mehr als Geld und Karriere, es gehe um die Energie der Menschen, die eine Gesellschaft voranbringt.

4. Selbstbestimmt in allen Lebenslagen
Selbstbestimmung ist die konkreteste Form der Freiheit. „Wir Freien Demokraten stehen für das Prinzip der ‚Lebenslaufhoheit‘ ein. Denn jeder Einzelne trägt die Verantwortung für das eigene Leben, also muss er auch sein eigenes Leben in Freiheit formen dürfen.“ Die Freien Demokraten arbeiten daran, Hindernisse und Einschränkungen dieses Prinzips aus dem Weg zu räumen.

5. Freiheit und Menschenrechte weltweit
Die Welt ist vernetzt, deswegen endet die Verantwortung der Politik für die Freiheit der Menschen auch nicht an den Grenzen des eigenen Landes. „Die politische Idee der individuellen Freiheit steht weltweit unter Druck. Sie wird von religiösem Fundamentalismus und Autoritarismus bedroht.“ Deswegen setzten sich die Freien Demokraten für Menschenrechte weltweit ein.

6. Politik, die rechnen kann
Die Soziale Marktwirtschaft ist aus freidemokratischer Perspektive „das sicherste Fundament im Einsatz für Bildung und soziale Absicherung“, heißt es in dem Beschluss. Sie fördert die Kreativität, Motivation, wirkt Machtballungen entgegen und schützt vor Machtmissbrauch. Sie schafft Wohlstand für den Einzelnen und für die Gesellschaft. „Sie schlägt die Pflöcke in den Boden, an denen unsere Gesellschaft das soziale Sicherheitsnetz aufspannt.“ Wer die Soziale Marktwirtschaft angreife, der greife Wohl und Wohlstand der gesamten Gesellschaft an.

Dienstag, 4. August 2015

Das freiheitliche Menschenbild: Der sich selbstentwickelnde Charakter



In seinem Bestseller „The Lonely Crowd“ (deutsch: „Die einsame Masse“) von 1950 diagnostizierte David Riesman gemeinsam mit seinen Mitarbeitern einen fundamentalen Wandel des amerikanischen Charakters der Nachkriegszeit, weg vom „innengeleiteten“ und hin zum „außengeleiteten“ Charakter. Innengeleitete Menschen orientierten sich an ihrem Gewissen auf der Grundlage verinnerlichtet Normen ihrer Erzieher und Autoritäten. Ihr Charakter funktioniere wie ein Kreiselkompass, so Riesman, und richte sich immer wieder an diesen eigenen Wertmaßstäben aus. Demgegenüber sei der außengeleitete Charakter der korporatistischen Industriegesellschaft, der „Corporation Men“ darauf ausgerichtet, sich an Verhaltensstile der sozialen Umwelt anzupassen und sich ihren Wertmaßstäben zu unterwerfen. Dieser neue Charaktertypus sei hochgradig flexibel und anpassungsbereit, marktorientiert, ständig bemüht, sich positiv zu verkaufen.

Der außengeleitete Charaktertypus, wie David Riesman ihn beschrieb, ist nach wie vor prägend in unserer Gesellschaft. Die allermeisten Menschen sind daran gewöhnt, sich ständig an diversen Märkten zu verkaufen, ihren Marktwert zu bestimmen und andere Menschen ebenso zu manipulieren, wie sie selbst manipuliert werden. Der außengeleitete Typus ist selbstunsicher und eigentlich seelenlos, ohne verlässliche Identität, ständig auf der Suche nach Bindung und Anerkennung, ständig verzweifelt bemüht, geliebt oder wenigstens geschätzt zu werden. Da er sich allein am Zeitgeist und den gerade herrschenden Normen und Qualifikationsanforderungen orientiert, ist er ständig hin und her gerissen wie ein Fähnchen im Wind. Viele der für unsere Zeit so charakteristischen Angststörungen haben ihre Ursache in der Selbstunsicherheit des außengeleiteten Charakters.

Ohne jeden Zweifel ist es nicht der außengeleitete Charaktertypus der Wirtschaftskorporationen und des etatistischen Wohlfahrtsstaates, der Liberalen vorschwebt, wenn sie den „liberalen Menschen“ im Kopf haben und von Persönlichkeitsbildung und Entfaltung menschlicher Potenziale sprechen. Aber es ist auch nicht der traditionsorientierte innengeleitete Charaktertypus des neunzehnten Jahrhunderts mit seiner starren Anbindung an nationale und religiöse Wertmaßstäbe seiner Zeit und Lebenswelt. Immerhin sind wir geneigt, diesen gewissensorientierten Prinzipienmenschen mit ihrem inneren Kreiselkompass gewisse Sympathien entgegenzubringen. Sie hatten Wertmaßstäbe, waren oft knorrige Individualisten, bodenständig verwurzelt und eingebunden.

Der Charaktertypus, der uns Liberalen vorschwebt, ist der sich selbstentwickelnde Charakter, der einem Dirigenten, einem schaffenden Künstler gleich, sich ständig neu formt, entwirft und entfaltet. Dieser Charaktertypus vereint in sich die Offenheit und Flexibilität von Riesmans außengeleitetem Charakter mit der Wertorientierung und Verwurzelung des innengeleiteten Charakters. Der freiheitliche Mensch ist undogmatisch, offen für Neues und veränderbar. Aber ebenso weiß er stets, wer er ist, woher er kommt und wohin er will. Er vermeidet Beliebigkeit, verfügt über Lebenssinn, Ziel und Richtung. Wenn er über Sinn verfügt, hinterfragt er sich aber ständig und ist auf der Suche nach neuem Sinn und neuer Wahrheit. Wenn er ein Ziel verfolgt, so lässt er sich gerne vom Weg abbringen, denn der Weg zu sich selbst ist sein eigentliches Ziel. Wenn er in eine Richtung aufbricht, so rennt er nicht blindlings geradeaus, sondern schaut sich ständig um, verändert seine Richtung und kehrt vielleicht um, wenn er es für richtig befindet. Er ist ein kritischer Individualist. Seine bodenständige Verwurzeltheit und Wertorientierung ermöglicht ihm die weltoffene Exploration und experimentierfreudige Neugier und Suche nach sich selbst und seinen Möglichkeiten.


Montag, 27. Juli 2015

Für einen wertgebundenen normativen Liberalismus


 Nudging
„Nudging“ heißt das neue Zauberwort, dem sich das politische Berlin verschrieben hat. Ein Nudge oder Stupser ist der Versuch, das Verhalten von Menschen ohne Verbote oder Befehle zu beeinflussen und zu verändern. Die Methode trägt der offensichtlichen Tatsache Rechnung, dass die alte Verbotskultur des Obrigkeitsstaates mit Verbotsschildern wie „Rasen betreten verboten“ und Hinweisen wie „Eltern haften für ihre Kinder“ in einer freiheitlichen Welt – oder zumindest in einer Welt, die den Anspruch erhebt, freiheitlich zu sein, ihren Charme völlig verloren hat. Der Begriff wurde vom Wirtschaftswissenschaftler Richard Thaler und vom Rechtswissenschaftler Cass Sunstein in ihrem 2008 erschienenen Buch „Nudge. Improving Decisions About Health, Wealth, and Happiness“ (deutscher Titel: „Nudge: Wie man kluge Entscheidungen anstößt“) geprägt. Es geht den Autoren um Verhaltensänderung in eine gewünschte Richtung, um eine Beeinflussung ihrer „Entscheidungsarchitektur“.
Das Bestreben, menschliches Verhalten nach eigenen Vorstellungen zu verändern, bezeichnen wir gemeinhin als Paternalismus. Ärzte und Psychotherapeuten, auch Rechtsanwälte und besonders Lehrer, neigen in besonderer Weise zum Paternalismus. Sie wissen besser, oder glauben, besser zu wissen, was gut und was schlecht für ihre Patienten, Klienten, Mandanten und Schüler ist. Alle Angehörigen der Freien Berufe sind von ihrem edukativen oder therapeutischen Selbstverständnis her Paternalisten. Aufgrund ihres Wissensvorsprungs handeln sie zum Wohle der ihnen Anvertrauten, wenn sie deren Denken, Fühlen und Handeln zu beeinflussen versuchen. Zumindest haben sie den Anspruch, in deren wohlverstandenem Interesse zu handeln. Und häufig, aber durchaus nicht immer, ist es auch so. Patienten, Klienten, Mandanten und Schüler folgen häufig den Anweisungen im Vertrauen, gelegentlich sträuben oder widersetzen sie sich, empfinden die Vorschriften und Maßregeln als anmaßende Bevormundung ihrer eigenen Handlungs- und Entscheidungsfreiheit.
Libertärer Paternalismus
Thaler und Sunstein bezeichnen ihr Modell als „libertären Paternalismus“. Was das bedeutet, lässt sich am Beispiel der Fliege zeigen: Männer, die ein Toilettenurinal verwenden, zielen bekanntlich häufig suboptimal – der verspritzte Urin wird zum Ärgernis. Auf der Flughafentoilette des Amsterdamer Flughafens Schiphol hatte deshalb ein Betriebswirt die Idee, das Bild einer schwarzen Stubenfliege in die Schüsseln der Flughafen-Urinale zu ätzen, gleich neben dem Abfluss. Das Ergebnis war ausgesprochen positiv: 80 Prozent weniger ging daneben. Und das, obwohl kein Mann bei Androhung von Strafe oder sozialer Ächtung gezwungen wurde, die Fliege anzuzielen. Allein die Bereitstellung der „Entscheidungsarchitektur“ führte zum gewünschten Ergebnis: Eine freiwillige Verhaltensänderung. Dem Entscheider steht jederzeit die Möglichkeit offen, sich gegen den Weg zu entscheiden, auf den er “gestupst” wird. Libertärer Paternalismus eben.
Libertäre Paternalismus weiß genau, was für den Menschen gut ist. Er handelt zum Wohl der Bürger und bringt sie auf den rechten Weg. Wie sollen wir Liberale uns dazu stellen? Entfaltet dieses Modell nicht enormen Charme? Oder ist es am Ende wohl doch ein Anschlag auf die Freiheit? Immerhin: Solange mir als Toilettenbenutzer die Wahl bleibt, auf die Fliege zu zielen – oder aus Renitenz bewusst daneben, kann ich als Liberaler wohl mit dem Stubser ganz gut leben – allemal besser als mit Verbotsschildern, die mir an öffentlichen Gewässern auf unmissverständliche und wenig charmante Art das Baden untersagen. Allerdings nur, solange mir die Wahl bleibt – und solange aus dem Stubser kein übler Anrempler wird.
Wie erzieherisch dürfen Liberale sein?
Es stellt sich grundsätzlich die Frage, wieviel edukativen oder therapeutischen Anspruch wir Liberale uns zugestehen können und wollen. Ist es überhaupt mit unserem freiheitlichen, toleranten Anspruch zu vereinbaren, an anderen Menschen herumzuerziehen und herumzudoktern, wenn sie uns nicht ausdrücklich dazu aufgefordert haben? Mitunter reden wir uns mit mangelnder Reife oder Einsichtsfähigkeit heraus, bei Minderjährigen etwa oder bei Patienten mit bestimmten psychiatrischen Erkrankungen. Hier setzen wir uns im Interesse der Allgemeinheit und im angenommenen Eigeninteresse der Betroffenen über deren Eigenwillen hinweg. Dies wird gewöhnlich dann auch gesellschaftlich so weitgehend akzeptiert.
Wie aber steht es etwa mit volljährigen Obdachlosen, die im Innenstadtbereich – aus unserer Wahrnehmung – verwahrlosen, ihren Körper durch Drogen schädigen, ihr menschliches Potenzial scheinbar sinnlos verschleudern? Jedem unter uns, der die Welt mit humanistischem, therapeutischem oder erzieherischem Anspruch betrachtet, ziehen sich bei solchen Bildern die Eingeweide zusammen. Aus rechtlicher Sicht haben wir gar keine Möglichkeit, zu intervenieren, wenn die Betroffenen es nicht wollen. Die interessante Frage, die sich vor allem dem Liberalen stellt, ist aber: Dürfen oder sollten wir überhaupt auch nur den Anspruch erheben, hier eingreifen zu wollen? Verletzen wir nicht mit einem solchen Anspruch schon das Recht dieser Menschen auf Selbstbestimmung?
Relativismus
Es gibt nicht wenige Liberale und noch mehr Libertäre, die zum Werterelativismus neigen. Für sie ist jede Lebensform gleich gut und gleich schlecht, jede Erkenntnis gleich wahr und gleich falsch, jeder Sinneseindruck gleich schön und gleich hässlich. Zumindest behaupten sie das, weil es ihrem selbstkonstruierten Weltbild entspricht. Ich bestreite, dass es so ist, denn es gibt nachweislich uns angeborene Kategorien des Wahren, Guten und Schönen. Unser Gehirn ist so angelegt, dass es verbindliche Werturteile gibt, die wir nicht einfach beiseite wischen können. Auch wenn unser kulturrelativistisch ausgerichteter Neocortex es so haben möchte: Unsere älteren Gehirnanteile, das limbische System, die Basalganglien, unser Unterbewusstsein, haben genaue, entwicklungsgeschichtlich erworbene Vorstellungen davon, was gut, wahr und schön ist. Darum kommen auch Kulturrelativisten und Werterelativisten nicht herum.
Die Ikone der Relativisten ist Conchita Wurst, die Sängerin, Travestiekünstlerin, Dragqueen mit Vollbart, die ihr relativistisches Programm schon im Namen trägt: Die Lebensform, die sexuelle Identität, alles ist wurscht. Es gibt kein richtiger oder falscher, kein besser oder schlechter. Für Liberale und Libertäre relativistischer Gesinnung ist alles gleichermaßen zu akzeptieren und zu tolerieren. Es ist eh alles wurscht.
Wertgebundener Liberalismus
Keineswegs alle Liberalen waren und sind Werterelativisten. Die bedeutenden Ordoliberalen und Neoliberalen waren in ihren Vorstellungen alle dezidiert wertgebunden. In besonderer Weise trifft das auf Wilhelm Röpke zu. Er unterschied scharf zwischen bloßer Libertinage, dem „anything goes“ und einem wahren Liberalismus, der immer wertgebunden und für Röpke fest im Christentum verankert war. Er hatte klare Vorstellungen von Staat und Gesellschaft und vom autonomen, wertgebundenen, im Idealfall zur materiellen Selbstversorgung fähigen Bürger. Aus Sicht radikaltoleranter Relativisten war Röpke wenig tolerant. Mit Conchita Wurst und sehr vielen Erscheinungen der modernen Welt hätte er sich – und hat er sich (er starb 1966) sehr schwer getan.
Sicherlich werden wir heute vielem, was für Röpke Ausdruck von Vermassung, Entfremdung und Degeneration war, gelassener und toleranter begegnen. Unsere Welt verändert sich und wir mit ihr. Dem Bizarren, Schrillen begegnen wir mit viel mehr Offenheit, als Wilhelm Röpke dies tat. Dennoch bleibt aus meiner Sicht für Liberale, müssten wir uns zwischen den Idolen Conchita Wurst und Wilhelm Röpke entscheiden, die Antwort eindeutig und klar: Auch und gerade der liberale Mensch braucht Wertmaßstäbe und wertgebundene Orientierung. Sie erst verleiht ihm Sicherheit und Haltung. Ich plädiere hier für einen wertgebundenen Liberalismus, der auf verlässlichen Vorstellungen des Wahren, Guten und Schönen gründet.
Liberale und die Freien Berufe
Nicht ohne Grund kommen viele Liberale traditionellerweise aus den Freien Berufen, also aus dem gesellschaftlichen Segment, das in besonderer Weise paternalistische Neigungen und Vorstellungen entwickelt. Viele Liberale sind Ärzte, Psychologen und Psychotherapeuten, Lehrer und Erzieher, Rechtsanwälte. Sie arbeiten mit Menschen und in besonderer Weise am Menschen. Ein Arzt oder Therapeut, der keine Vorstellung von gesundheitsfördernder Lebensweise entwickeln und versuchen würde, seine Patienten oder Klienten in diesem Sinne zu beeinflussen, wäre kein guter Arzt oder Therapeut. Ein Lehrer, der keinen pädagogischen Anspruch hätte, wäre kein guter Lehrer. Freiberufler sind Dienstleister am Menschen und wollen, ja müssen, im Hinblick auf den Menschen wirken, verändern, beeinflussen. Sie tun dies, gerade als Liberale, mit freiheitlichem und humanistischem Anspruch. Gerade sie wissen, dass exzessive Toleranz auch Gleichgültigkeit bedeuten kann und den Verzicht darauf, Lebensverhältnisse von Menschen verbessern zu wollen.
Für einen wertgebundenen normativen Liberalismus
Liberale dürfen, wenn sie ihrem eigenen humanistischen Anspruch genügen wollen, therapeutisch und erzieherisch denken und handeln. Sie dürfen einen normativen Anspruch verfolgen und Lebensverhältnisse von Menschen verändern wollen und das tatsächlich tun. Das ist das Wesen und die Kernaufgabe von Politik. Hätten wir diesen Anspruch nicht, wäre unsere Organisation überhaupt keine politische Partei. Anders als bei unseren politischen Wettbewerbern steht aber immer der einzelne Mensch und sein prinzipielles Selbstbestimmungsrecht im Zentrum unserer Politik. Liberale machen Politik für die Menschen und im Interesse dieser Menschen. Wir dürfen menschliches Verhalten dabei auch verändern wollen.
„Nudging“ ist, wie jede Form des Paternalismus kein für Liberale gangbarer Weg, der mit einer toleranten Freiheitskultur kompatibel ist. Wir setzen bei gewünschter Verhaltensänderung von Menschen nicht auf Verbotsschilder oder grüne Verirrungen wie den „Veggie-Day“ oder den „Hundeführerschein“. Liberale wirken als Vorbilder, versuchen durch überzeugende Modelle zu wirken, durch eigenes Vorleben glaubwürdige Impulse zu vermitteln. Uns geht es dabei weniger um konkrete Lösungen oder Lebensstile. Die soll jeder Mensch für sich selbst herausfinden. Uns geht es um Mentalität, um Bewusstsein und um Lebenseinstellung, um eine Kultur des Mutes, des Optimismus und der Lebensfreude. Wir wenden uns gegen einen angstfixierten, depressiven Zeitgeist und die lähmende Lethargie, die seine Folge ist. Wir sehen unsere Aufgabe darin, Mut zu machen, eigenständig zu denken und den eigenen Weg zu gehen, an sich zu glauben, sich zu entwickeln und zu entfalten. Wir kommunizieren, erklären politische Absichten so, wie es der gute Arzt und der gute Lehrer mit den von ihnen vorgeschlagenen Maßnahmen tun. Dabei müssen wir kein schlechtes Gewissen haben. Wir sollten uns die Sinne nicht mit falschverstandenem werterelativistischem Toleranzgefasel vernebeln. Wir dürfen wirken und wir müssen das auch wollen.

Montag, 20. Juli 2015

Autobiografische Skizzen

Wallrabenstein
Unser Familienname kommt vom gleichnamigen Ort im Rheingau-Taunus-Kreis (Hessen), heute ein Ortsteil der Gemeinde Hünstetten mit Burgruine aus dem 14.Jahrhundert.

Windeck
In Wuppertal aufgewachsen und nach einigen Jahren in Rummenohl (Stadt Hagen) und Altenhof (Gemeinde Wenden) im Kreis Olpe ist Windeck an der Sieg seit Januar 1992 meine Heimat. Genauer ist es das Dörfchen Eich, im Südosten der Gemeinde, dicht an der Landesgrenze nach Rheinland-Pfalz. Liegt Windeck, die östlichste Gemeinde im Rhein-Sieg-Kreis, im Bergischen Land? Oder im Westerwald? Das Land am Mittellauf der Sieg gehört zu beidem, verbindet beides, den Westerwald im Süden und das Bergische Land im Norden, hinzu kommt das Rheintal mit dem Siebengebirge im Westen und das Südsauerland und Siegerland im Osten. Windeck liegt mittendrin - und ist landschaftlich überaus reizvoll.

Windecker Gartenträume
Der von meiner Ehefrau Elke und mir angelegte Schau- und Meditationsgarten im Erholungsgebiet Windecker Ländchen mit Stilelementen des Japanischen Gartens, des Chinesischen Gartens und des Englischen Landschaftsgartens: Asiatische Skulpturen, Bambus, Fächerahorne, Rhododendronhaine, Efeuhecken und Teichlandschaften inmitten alter Eichen- und Kiefernbestände.


Herkunft
Ich entstamme einer Familie mit niederbergisch-rheinischen und kurhessisch-oberhessischen Wurzeln. Das Elternhaus war kleinbürgerlich konservativ und protestantisch geprägt. Mein Vater war Gärtner. Durch Mithilfe wurde ich schon sehr früh an alle Arbeiten im Gartenbau herangeführt. Wirkliche Begeisterung für das Gärtnern stellte sich allerdings erst ein, als ich selbst gestalterisch und kreativ tätig werden konnte.


Meine Großeltern Auguste und August Wallrabenstein. Sie waren begeisterte Natur- und Gartenfreunde. Ich verdanke ihnen viel. Leider haben sie die GARTENTRÄUME nicht mehr kennengelernt. Sie hätten ihre Freude daran gehabt.

Berufliches
Ich bin Lehrer in der Sekundarstufe II  für Deutsch und Politik/Sozialwissenschaften. Unterrichtet habe ich an einem Leverkusener Gymnasium, einer Kölner Berufsschule und an einer Bonner Privatschule. Außerdem in der Erwachsenenbildung, vor allem Englisch an Volkshochschulen und einer Sprachenschule in Olpe. Ebenso habe ich langjährig im Schülerförderunterricht und in der Prüfungs- und Lernberatung gearbeitet. Mehrjährige Arbeitserfahrungen habe ich zudem in der Krankenhauslogistik und als Helfer und Praktikant in der Krankenpflege sammeln können.

Elke
Seit 1992 sind wir glücklich verheiratet. Sie ist die Seele unseres Gartens und pflegt ihn mit liebevoller Hand.

Traunsee, Oberösterreich 2014

FDP
Meine erste Berührung mit der FDP war zufällig. In der Wuppertaler Fußgängerzone drückte mir ein Wahlkämpfer einen Stapel kleiner Büchlein über Hans-Dietrich Genscher in die Hand und bat mich, sie zu verteilen. Genscher hatte damals seinen Wahlkreis im Wuppertaler Westen. So wurde ich zum Wahlkämpfer für die Partei, zu der ich noch keinerlei Bindung hatte. Wenig später traf ich in Bad Reichenhall den dort kurenden damaligen Vorsitzenden der Bundestagsfraktion, Wolfgang Mischnick. In einem etwa zweistündigen Gespräch weckte er mein Interesse an der liberalen Partei und am Liberalismus. Er konnte begeistern und die Dinge auf den Punkt bringen. Im Kurpark von Bad Reichenhall wurde ich zum Liberalen. Eine Woche später - im September 1979 - trat ich, in der Spätphase der sozialliberalen Koalition, in die FDP ein.
Zunächst war ich bei den Jungen Liberalen aktiv, die sich gerade als Gegenströmung zu den immer weiter nach links abdriftenden Jungdemokraten als neue Jugendorganisation gegründet hatten. Eine frühe Wuppertaler Bekanntschaft bei den Jungen Liberalen war Silvana Koch-Mehrin. Häufig war ich in Bonn, einem frühen Schwerpunktort der Jungen Liberalen. Dort traf ich auf Westerwelle.
Viel zu verdanken habe ich den Bildungsstätten der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit. Wichtige Orte der politischen Sozialisation wurden der Margarethenhof in Königswinter und die Theodor-Heuss-Akademie in Gummersbach, vor allem deren Kellerkneipe, die beliebt-berüchtigte Wacholderstube. Hier fand in feuchtfröhlicher Umgebung so manche Begegnung statt und so manches ernste und weniger ernste Gespräch wurde dort geführt. Von besonderer Bedeutung über die Jahre wurden die “radikalliberalen Foren”. Ihnen verdanke ich die Hinwendung zur Österreichischen Schule der Nationalökonomie und die Bekanntschaft mit dem Buchautor Roland Baader, die prägend werden sollte.

Wolfgang Mischnick

Primaten
Meine intensive Beschäftigung mit unseren nichtmenschlichen Primatenverwandten hat mein Weltbild und mein Selbstbild massiv verändert. Ein Schlüsselerlebnis hatte ich auf meiner ersten Sri-Lanka-Reise. Schon vor diesem Abend hatten mich in Anuradhapura und Polonnaruwa die halbzahmen Ceylon-Hutaffen und Hanumanlanguren begeistert, die sich in den alten Tempelanlagen füttern ließen. Nun aber hatte ich einen Abendspaziergang von meinem Hotel im nördlichen Hochland aus unternommen und war einer Gruppe von Weißbartlanguren (Trachypithecus vetulus) begegnet – einer Art, die nur auf Sri Lanka vorkommt. Ohne besondere Scheu vor mir hatten sie einen abendlichen Futterbaum bezogen und fraßen, kommunizierten und spielten. Ich war fasziniert von ihrem reichhaltigen Sozialverhalten. Diese Weißbartlanguren standen am Beginn vieler zukünftiger Primatenbeobachtungen und einer wachsenden Leidenschaft. Meine besonderen Lieblinge wurden Galagos und Tarsier, Krallenaffen und Kapuziner, Languren und Gibbons. Einen großen Teil meiner Bibliothek füllen heute Bücher über Primaten. Ich kann nicht verstehen, wie manche Menschen abfällig und verächtlich auf unsere Verwandten hinabblicken. Wir verdanken unseren faszinierenden Cousins alles und wären nichts ohne sie. Ich empfehle heute jedem, insbesondere aber Psychologen und Pädagogen, ein intensives Primatenstudium. Wir gewinnen erst dann wirklich eine fundierte Vorstellung von uns selbst, wenn wir wissen, wo wir herkommen. Die Liebe zu den Primaten steht am Beginn der Liebe zu den Menschen.

Trachypithecus obscura

Psychologie
1.Jeder Mensch ist allen anderen Menschen gleich. 2.Jeder Mensch ist manchen anderen Menschen gleich. 3.Jeder Mensch ist keinem anderen Menschen gleich. Diese drei Sätze aus einer psychologischen Eingangsvorlesung haben mein Denken verändert. Die Psychologie, die Wissenschaft des Fühlens, Denkens, Wollens und Handelns, hat mich von Jugend an fasziniert, insbesondere die Differenzielle Psychologie – die Persönlichkeitspsychologie –, die sich mit den Unterschieden menschlicher Charaktere und Persönlichkeiten beschäftigt. Wie verschieden wir sind in unserer Wahrnehmung, unserer emotionalen Verarbeitung und in unserem Verhalten! Welcher Reichtum für die Gesellschaft sich aus dieser Vielfalt ergibt. Wenn man diese Vielfalt erkennt, sie zu schätzen und zu lieben lernt, kommt man zwangsläufig zu dem Punkt, wo man diese Vielfalt bewahren und die Potenziale, die Möglichkeiten, die sich aus dieser Vielfalt ergeben können, fördern und entwickeln möchte. Bei mir lag hier der Weg begründet zum Pädagogen einerseits, zum Humanisten und zum Liberalen andererseits.

Ostsee, Rügen 1990


Positive Psychologie
Stark beschäftigt habe ich mich mit der Klinischen Psychologie, der Wissenschaft von den psychischen Störungen und Erkrankungen. Schwerpunkte liegen vor allem im Bereich der Affektiven Störungen (Depression und Erschöpfungsdepression), der Angststörungen, der Somatisierungsstörungen (dem Ausdruck psychischer Störungen in körperlichen Symptomen) und den Persönlichkeitsstörungen. Die Klinische Psychologie ist ein spannendes und begeisterndes Fach, ist aber fokussiert auf die Störung, das Defizit und den Mangel von Menschen. Von jeher fasziniert haben mich hingegen gerade menschliche Stärken, Leistungspotenziale und Kraftquellen. Hiermit beschäftigt sich die Positive Psychologie, auch Gesundheitspsychologie. Zentrale Begriffe sind Resilienz und Salutogenese. Resilienz, oder psychische Widerstandsfähigkeit, ist die Fähigkeit, Krisen durch Rückgriff auf persönliche Kraftquellen zu bewältigen. Salutogenese bedeutet die Förderung und Entstehung von Gesundheit und Widerstandsfähigkeit. Im Mittelpunkt stehen dabei die Entwicklung von Bewältigungsstrategien, das Coping. In enger Anlehnung an die Sozialpsychologie interessieren mich dabei vor allem gesundheitsfördernde Lebensbedingungen und Lebensumwelten. Es geht mir darum, gesundheitsfördernde Lebensbedingungen und Lebensumwelten, in denen Menschen ihr individuelles menschliches Potenzial – letztlich zum Wohle aller – bestmöglich entfalten können, zu propagieren und zu befördern. Mit dieser Zielrichtung ist man zwangsläufig wieder sehr eng am Liberalismus.

Im Wuppertaler Garten, 1962

Optimismus und Mut
Dies sind die beiden Kernkompetenzen der liberalen Persönlichkeit. Warum müssen Liberale mutig sein? Weil die Freiheit, neben der Gesundheit unser höchstes Gut, ständig in Gefahr gerät und gegen die Feinde der Freiheit verteidigt werden muss. Warum aber gibt es so viele Freiheitsfeinde? Weil Menschen über andere Menschen herrschen wollen. Aber viel mehr noch, weil Freiheit unbequem ist und unsicher. Wir neigen von unserer psychischen Konstitution her zu Sicherheit, zu Ordnung, Ruhe, Gemütlichkeit, Behaglichkeit. Wir richten uns gerne ein im rundumbetreuenden Wohlfahrts- und Nannystaat. Unsere Freiheit geht aber dabei scheibchenweise verloren. Und schlimmer noch, unser menschliches Potenzial verkümmert. Warum sind Liberale optimistisch? Weil sie unbeirrt an den Menschen und an menschliche Leistungs- und Entfaltungspotenziale glauben. Weil sie in Veränderungen und Entwicklungen die Chance und nicht das Risiko sehen. Weil sie Menschen vertrauen und ihrer Vielfalt, nicht der Monostruktur der Masse, der Organisation, des Staates. Optimismus und Mut stehen als Kernkompetenzen der liberalen Persönlichkeit nicht ohne Grund auch im Zentrum der humanistisch geprägten Positiven Psychologie.

Als Lehrer, 1992

Religion und Weltanschauung
Obwohl protestantisch getauft und katholisch getraut, stehe ich allen religiösen Glaubensinhalten und den Religionsgemeinschaften fern und bezeichne mich als Agnostiker. Der Agnostiker ( der "Nichtwissende") klammert letzte Fragen als letztlich unbeantwortbar aber auch als unbedeutend für sein Leben aus und beschäftigt sich statt dessen konzentriert mit dem Leben auf dieser Welt. Ich glaube an die Natur und ihre Schöpferkraft, den Menschen und seine Entwicklungsmöglichkeiten und an die Freiheit. Mit vielen religiösen Menschen teile ich aber die starke Wertschätzung von Wertebewusstsein und eine ethisch-moralische Grundausrichtung. Ich bin alles andere als ein Werterelativist und glaube, dass es das Wahre, Gute und Schöne und die Notwendigkeit der Sinnsuche in unserem Leben gibt. Der sinnentleerte Materialismus ist mir ein Gräuel. Geld und materieller Besitz sind für mich allenfalls Mittel, um damit Besseres und Höheres möglich zu machen, keinesfalls mehr. So bin ich maßlos in meinem Streben, aber überaus bescheiden, geradezu asketisch in meinen Ansprüchen und Begehrlichkeiten.

Lebensgefühl
Stark beeinflusst vom Transzendentalismus des Neunzehnten Jahrhunderts und Denkern wie Ralph Waldo Emerson, Margaret Fuller und Henry David Thoreau, aber auch von Walt Whitman und der pragmatischen Psychologie und Philosophie William James', liebe ich die Natur und das Wilde, Ursprüngliche an ihr, ebenso wie die Freiheit, um Persönlichkeit zu bilden und Möglichkeiten zu entfalten. Der Sinnesgenuss ist mir wichtig: Der gute Rotwein, die Musik, die Erotik und Sinnlichkeit des weiblichen Körpers, das gute Buch und das offene, ehrliche Gespräch, das tiefsinnige, ergründende Denken, Schreiben und Reden - dafür leben wir. Ich hasse Oberflächlichkeit und Konvention, liebe das Eigenständige, Knorrig-Individuelle, Menschen, die ihren eigenen Weg suchen und finden, Widerstände und Hemmendes aus dem Weg räumen. Ich mag Freigeister und Eroberer, Unternehmer und Gründer, mutige Querdenker, Naturbesessene, Tier- und Menschenfreunde. Echte Liberale eben...

Wölfe
Für mich Sinnbild meines Lebensgefühls: Wild und frei, hochintelligent, sozial, faszinierendes hochkomplexes Verhalten. Wunderbar, sie zu beobachten. Mein größter Traum: Mal als Wolf unter Wölfen zu leben...
Polarwölfe

Reisen
Es gibt kaum etwas Wichtigeres für mich: Die Welt kennenzulernen, Horizonte, die sich verändern und Maßstäbe, die sich verschieben. Ich habe viel Faszinierendes gesehen, Begegnungen, die unvergessen bleiben, Eindrücke, die mich geprägt haben. Am stärksten begeistert haben mich der indische Subkontinent, vor allem Sri Lanka. Und natürlich die USA, vor allem die Nationalparks des Westens, Arizona bleibt ständige Sehnsucht, die Northern Arizona University in Flagstaff meine liebste Universität. Alaska, Jamaika, Nordskandinavien, das schottische Hochland, Mallorcas Berge. das Ammerland, Spiekeroog, die Schlei und die Ostsee, das Almtal in Oberösterreich, die Südsteiermark, das Burgenland, der Pfälzer Wald, das hessische Bergland... - die Liste von Landschaften, die mich begeistert haben, ist lang, die Liste von Traumzielen, die ich noch nicht bereist habe, noch viel länger...

Arizona Sunset

Glück, Heimat
Das Schönste am Reisen und genauso wichtig ist jedoch das Heimkehren. Wieder im Garten zu sitzen, zwischen den Rhododendronbüschen oder im Bambushain, mit einem fruchtigen Uhudler oder einem kräftigen Blauen Portugieser und einem guten Buch. Was könnte es Besseres geben?

Positive Psychologie als liberale Leitwissenschaft

Positive Psychologie als liberale Leitwissenschaft 

Im Folgenden will ich ausführen, warum aus meiner Sicht der Positiven Psychologie die Rolle einer Leitwissenschaft für die neue FDP und den politischen Liberalismus generell zukommt. Hierzu ist eine knappe Analyse unserer gesellschaftlichen Situation und des Zeitgeistes notwendig. Zunächst aber ein paar Worte zu der liberalen Leitwissenschaft.

Was ist die Positive Psychologie?
Die Positive Psychologie ist als kritische Antwort auf die Klinische Psychologie entstanden, die sich mit psychischen Erkrankungen und Störungen, mit Konflikten und Mängeln beschäftigt. Die Klinische Psychologie ist defizitorientiert, sie diagnostiziert den Mangel und versucht ihn zu beheben. Sie konzentriert sich folglich auf die Therapie von Störungen.
Die Positive Psychologie ist hingegen ressourcenorientiert. Sie pathologisiert nicht, sucht nicht die Störung. Sie betont das Gesunde, das Funktionstüchtige, die Stärken von Menschen und deren Selbstheilungskräfte. Positive Psychologie fokussiert sich auf Glück und Lebenszufriedenheit von Menschen, auf Wachstumspotenziale der Persönlichkeit, auf die Stärkung von Widerstandskräften und die Förderung von Bewältigungsstrategien. Das Ziel ist die reife, gesunde, stabile und entfaltete Persönlichkeit. Positive Psychologie richtet sich auf menschliche Möglichkeiten, auf Leistungschancen und Entfaltungspotenziale. Sie ist ein dezidiert optimistisches Programm positiven Denkens, positiven Empfindens und positiven Handelns.
Wichtige Konzepte der Positiven Psychologie sind Ressource, Resilienz und Salutogenese. Salutogenese beschäftigt sich mit der Entstehung von Gesundheit als Gegenstück zur Pathogenese, die sich auf die Entstehung von Krankheit fokussiert. Salutogenese, die Förderung von Gesundheit wird als Prozess verstanden, in den man steuernd eingreifen kann. Resilienz bezeichnet die Widerstandskraft gegenüber physischen und psychischen Stressbelastungen. Auch Resilienz kann gefördert werden. Ressourcen sind psychophysische Kraftquellen, die sich entdecken und entwickeln lassen. Sie dienen dem Coping, der Bewältigung und Verarbeitung von belastenden Lebensereignissen.

Wie steht es um unsere Gesellschaft und den Zeitgeist?
Wir bewegen uns in einem gesellschaftlichen Umfeld, das sehr stark von Pessimismus geprägt ist. Menschen glauben viel zu wenig an ihre Möglichkeiten und an ihre Entfaltungspotenziale. Leistung hat in unserer Gesellschaft einen zu geringen Stellenwert bekommen. In unserer repräsentativen Demokratie glauben die Menschen viel zu wenig daran, partizipieren zu können, die Fähigkeiten zu besitzen, etwas bewirken und verändern zu können. Die Folge ist ein apathischer Rückzug aus dem öffentlichen Raum. Oder eine anklagende und zugleich hilflose Demonstration von „Wutbürgern“, wie wir es bei der Pegida-Bewegung erleben.
Unsere Gesellschaft ist zutiefst von Depressionen und Angststörungen geprägt. Ein überbordender Individualismus verlangt Menschen im Alltag immer mehr ab. Sie müssen immer mehr selbst entscheiden, Lebensentwürfe planen und Verantwortung tragen. Die Folge sind starke Überforderungsgefühle und Empfindungen von Hilflosigkeit und der Wahrnehmung, den Anforderungen des zunehmend komplexeren Lebens nicht mehr gewachsen zu sein. Am Ende steht die Angsterkrankung, die Depression und das zunehmende Verlangen nach Flucht: Der Weg in die Sucht, oder, wenn nichts mehr hilft, in den Suizid.
Viele Menschen führt die Hilflosigkeit, die Depression und die Angst zu einem gesellschaftlichen Rückzug, in die innere Emigration. Sie stehen dem Leben, insbesondere dem politischen Leben, abweisend und feindlich gegenüber. Sie sind hart und verbittert gegen sich selbst und hart und verbittert gegen Andere. Sie lehnen alles Fremde ab, wenden sich gegen Einwanderer, begegnen anderen Menschen zunehmend zynisch, abweisend und unmenschlich. Sie verweigern Menschen in Not ihre Hilfe und den menschlichen Umgang.
Noch nie ist es uns in Deutschland insgesamt so gut gegangen wie heute. Noch nie war der allgemeine Wohlstand so üppig, die Armut so gering, die gesundheitliche Versorgung so gut und die Lebenserwartung so hoch. Noch nie hatten wir über eine so lange Zeit ein politisches System, das Stabilität, Freiheit und Frieden gesichert hat. Flüchtlinge aus aller Welt zieht es in unser gemeinsames Europa und in unser Land, weil es uns hier so gut geht.
Doch die öffentliche Wahrnehmung erkennt das nicht an. Unser politisches System, die repräsentative Demokratie, wird nicht wertgeschätzt. Unsere Parteien, unsere Freiheit werden nicht wertgeschätzt. Die Partei der Freiheit wird aus dem Parlament gewählt. Die europäische Union, Garant von Frieden und Freiheit in Europa, wird nicht wertgeschätzt. Unsere gemeinsame Währung, Garant für wirtschaftliche Prosperität, wird nicht wergeschätzt. Die NATO, Garant für unsere Sicherheit, wird nicht wertgeschätzt. Wir erkennen alle diese Leistungen nicht an, uns ist nicht bewusst, was wir haben, uns ist nicht klar, was wir verlieren können.

Wofür stehen Liberalismus und die Partei der Freiheit?
Liberale stehen – mehr als andere – für diese nicht ausreichend wertgeschätzten Institutionen: Für unsere repräsentative Demokratie, für unsere Verfassung, für die europäische Integration und die EU, für unsere gemeinsame Währung, für die transatlantische Partnerschaft, für die NATO.
Liberale stehen zudem – wieder mehr als andere – für Werte wie Freiheit, Verantwortung, Leistung, Offenheit und Toleranz. Auch diese Werte werden nicht ausreichend wertgeschätzt. Generell werden Werte nicht ausreichend wertgeschätzt. Wertbewusstes Leben, Denken und Handeln stehen nicht hoch im Kurs.
Es kann deshalb nicht überraschen, dass der Liberalismus, dass die FDP, die Partei der Freiheit, die für nicht wertgeschätzte Institutionen und für aufgegebene Werte stehen, sich in einer Krise befinden. Wie die Inhalte, für die sie stehen, werden zwangsläufig auch die liberale Partei und die Weltanschauung, die dahintersteht, nicht ausreichend wertgeschätzt.
Kann sich das ändern? Es kann – und es muss, denke ich.

Was hat die Positive Psychologie uns Liberalen zu bieten?
Wie bei der Therapie eines Einzelmenschen mit einer Depression oder Angststörung muss es auch uns Liberalen, die wir uns einer gewaltigen kollektiven gesellschaftlichen Melange aus Angst, Verzweiflung, Missmut, Wut und Zynismus gegenübersehen, darum gehen, Wahrnehmungen und kognitive Verarbeitungen zu verändern, die die gesellschaftliche Pessimismus-Welle generieren.
Die Positive Psychologie kann uns anleiten, die Welt um uns herum, vor allem die politische Welt, anders wahrzunehmen, indem wir den Blickwinkel verändern, genauer hinschauen und vergleichen. Uns fragen, ob uns Institutionen und Werte tatsächlich so gleichgültig sind und so wenig bedeuten. Uns die Vorstellung nahebringen, dies alles tatsächlich verlieren zu können.
Sie kann uns Mechanismen der gelernten Hilflosigkeit offenlegen und uns zeigen, wie wir aktiv und erfolgreich partizipieren können, uns in politische Prozesse einbringen und mitwirken können. Sie kann uns ein Bewusstsein vermitteln, dass wir selbstwirksam sind, dass wir Dinge verändern, aber auch sie bewahren und sie verteidigen können.
Sie kann uns zeigen, wie man eine pessimistische Sicht auf die Dinge gegen eine optimistische eintauscht und warum das gut für uns ist. Denn Optimisten sind nicht nur erfolgreicher, sie sind auch gesünder und leben länger.
Sie kann uns anleiten, wieder wertbewusster zu leben, die Natur und die Gemeinschaft wieder zu schätzen, Bindungen wiederaufzubauen, die Entfremdung und Isolation entgegenwirken.
Sie kann uns motivieren, uns für unsere Werte und Bindungen einzusetzen, überzeugtere und engagiertere Familienmenschen zu sein, Bürger unserer Kommune, Staatsbürger, leidenschaftliche Deutsche und Europäer.
Sie kann uns Liberale darin bestärken, entschlossen und engagiert für Institutionen und Werte einzutreten, die momentan wenig geschätzt werden. Wenn wir selber überzeugt sind, können wir andere überzeugen. Wenn wir selber begeistert sind, können wir andere begeistern. Wenn wir mitgerissen sind, können wir andere mitreißen.
Unsere Gesellschaft benötigt dringend optimistische und engagierte Streiter, Bewahrer und Verteidiger, Gestalter und Veränderer. Wertbewusste und gemeinschaftsorientierte Menschen, leistungsorientiert, das Gemeinwohl im Blick, selbstbewusst, tolerant, offen und menschenfreundlich. Echte Liberale eben, die motiviert und optimistisch eine freiheitliche Gesellschaft bauen.
Die Positive Psychologie hält den Werkzeugkasten bereit, den wir dafür brauchen.

Burnout
Obwohl sich die Arbeitsbedingungen in den letzten Jahrzehnten deutlich verbessert haben und die körperliche Beanspruchung vieler Tätigkeiten geringer geworden ist, erleben wir eine Zunahme von psychischen und psychosomatischen Störungen: Burnout, die Erschöpfungsdepression, scheint eine der größten individuellen Herausforderungen unserer Zeit zu sein.
Unsere globalisierte Gesellschaft fordert von manchen Menschen, über ihre Grenzen zu gehen: Mobilität, Flexibilität und permanente Erreichbarkeit verursachen einen inneren Daueralarm, der langfristig zur Überbelastung führt. Herbert J. Freudenberger prägte Anfang der 1970er Jahre den Begriff „Burnout“, definiert als „einen Zustand erschöpfter physischer und mentaler Ressourcen“, der in einem ursächlichem Zusammenhang mit dem Arbeitsleben steht. Der amerikanische Psychoanalytiker verstand den Zustand explizit nicht als psychische Erkrankung, sondern als Folge einer lebensweltlichen Überlastungssituation. Auch das DSM-V klassifiziert Burnout nicht als psychische Erkrankung.
Gewöhnlich nimmt Burnout einen spiralförmigen Verlauf. Am Anfang steht ein Gefühl von Erschöpfung. Man fühlt sich überfordert, unausgeschlafen und kann nach der Arbeit schlecht abschalten. Zudem ist man unzufrieden mit den Arbeitsergebnissen und der Arbeitssituation. Die eigenen Erwartungen werden nicht annähernd erfüllt, was zu hoher Frustration und Desillusionierung führt. Die Betroffenen haben keine Freude mehr an ihrer Arbeit, erledigen nur noch das Nötigste und distanzieren sich von Klienten und Kollegen. Häufig haben sie das Gefühl, ausgenutzt und nicht anerkannt zu werden. Im Kontakt mit ihren Mitmenschen sind die Betroffenen dann launisch, vorwurfsvoll, ungeduldig und gereizt, was zu weiteren Konflikten führt. Der eigene Anteil an den Auseinandersetzungen wird nicht gesehen. Wer sich aber selbst die Schuld an der Misere gibt, reagiert eher depressiv. Die Betroffenen fühlen sich hilflos, sind ängstlich und nervös. Angesichts der fehlenden Ressourcen, der eigenen Unfähigkeit, etwas an ihrer krisenhaft zugespitzten Situation zu ändern, schwindet ihre Selbstachtung immer mehr.
Die Folge dieser Entwicklung ist ein Abbau der kognitiven Leistungsfähigkeit, Motivation und Kreativität. Die permanente Anspannung und die daraus resultierende Erschöpfung führen zu Konzentrations- und Gedächtnisschwächen. Komplexe Aufgaben zu lösen und klare Entscheidungen zu treffen, fällt Betroffenen sehr schwer. Es kommt zu einer Verflachung des emotionalen, sozialen und geistigen Lebens. Die Menschen ziehen sich emotional zurück bis hin zur Gleichgültigkeit. Sie vernachlässigen ihre Hobbys, ihre Freunde und ihre Familie, und werden langsam einsam. Psychosomatische Reaktionen und Somatisierungsstörungen treten nun gehäuft auf. Ebenso werden auch mehr Alkohol, Kaffee, Tabak oder andere Drogen konsumiert. Schließlich dominiert das Gefühl der Verzweiflung. Hilflosigkeit und Ohnmacht gipfeln in einer allgemeinen Hoffnungslosigkeit. Das Leben erscheint sinn- und bedeutungslos. Es kommt zu Suizidvorstellungen.
Erschöpfungsdepression hat sehr viel mit Selbstfürsorge und Selbstachtsamkeit zu tun. Nur wenn wir die Signale des Körpers und unsere inneren Befindlichkeiten wahrnehmen können, sind wir in der Lage, rechtzeitig gegenzusteuern. Viele Menschen gehen über ihre Grenzen, weil sie diese nicht bemerken oder aber ignorieren. Am Beginn der Spirale ist es möglich und notwendig, diese krankmachende Entwicklung zu stoppen. Das setzt voraus, dass wir uns selbst mit unseren Gefühlen ernst nehmen und uns Menschen suchen, die uns schätzen und uns bei der Suche nach Lösungen und Alternativen unterstützen. Zu schnell fallen wir in krisenhaft zugespitzten Situationen in alte, oft nicht mehr adäquate Denk- und Verhaltensstrukturen zurück, die uns selbst nicht bewusst sind. Das Wissen um die eigenen Bedürfnisse, Ressourcen und Grenzen ist die Voraussetzung für eine bewusste Gestaltung des eigenen Lebens und fördert die Fähigkeit zur gesunden Selbstfürsorge. Wir müssen lernen, uns zu fordern, ohne uns zu überfordern, zur inneren Ruhe und Gelassenheit finden, unsere Grenzen erkennen und respektieren und ein Bewusstsein für die eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten entwickeln.
Unsere nachfolgend skizzierten Modelle der Selbsttherapie von Formen der Erschöpfungsdepression orientieren sich an folgenden Prämissen:
1. Stressabbau – die Menschen müssen zur Ruhe kommen.
2. Selbstfindung – Sich-Bewusstmachen der eigenen Leistungsstärken und –schwächen.
3. Reorganisation der Arbeitstätigkeit. Die Arbeit soll fordern, nicht überfordern. Der Arbeitsprozess darf nicht entfremdet sein. Arbeitsergebnisse müssen (be)greifbar sein. Soziale Einbindung ist zentral. Menschen müssen ein Verantwortungsgefühl für ihre Arbeitstätigkeit entwickeln. Sie müssen über Freiheitsspielräume verfügen, in denen sich Kreativität und Schöpfertum generieren lässt. […]

Die Suchtwirkung des Sozialstaats

Die Suchtwirkung des Sozialstaats

Haben sich unsere Sozialverwaltungen von ihrem eigentlichen Ziel entfernt? Ihrem Ziel, das darin besteht, den Bürger zu befähigen, ein unabhängiges Leben zu führen, eigenverantwortlich zu handeln und sein Leben in Freiheit selbst zu gestalten? Nehmen wir als Beispiel die Bundesagentur für Arbeit (BA, ehemals Bundesanstalt für Arbeit, umgangssprachlich Arbeitsamt), die Verwaltungsträgerin der deutschen Arbeitslosenversicherung. Sie erbringt die Sozialleistungen am Arbeitsmarkt, insbesondere Leistungen der Arbeitsvermittlung und -förderung sowie finanzielle Entgeltersatzleistungen, z. B. das Arbeitslosengeld. Sie ist eine bundesunmittelbare Körperschaft des öffentlichen Rechts mit Selbstverwaltung und Anstaltscharakter. Wird diese BA ihrer Aufgabe der Hilfe zur Selbsthilfe für mündige, eigenverantwortliche Bürger gerecht?
Ich denke nicht. Die Bundesagentur für Arbeit ist zu einem Magneten geworden: Wer ihm nahe kommt, der wird von ihm angezogen. Und je näher man ihm kommt, desto stärker hält die BA den Bedürftigen mit ihren Verfahren, Formularen und Leistungen fest. Sie führt in die Abhängigkeit.
Die Sog- und Suchtwirkung des Sozialstaates lässt sich in den Arbeitsagenturen eindrucksvoll beobachten. Die Menschen wirken schwerfällig bedrückt, der unmenschlich-würdelosen Prozedur hilflos ausgeliefert. Kontroll- und Impulsverluste sind deutlich. Die Menschen kämpfen sich sozial isoliert durch ihren Formularwust. Die Agentur geißelt ihre „Kunden“ mit Zuckerbrot und Peitsche: Der Verlockung ihrer mildtätigen Finanzleistungen mag sich keiner entziehen. Dabei besteht seitens der Agentur kein Interesse, den Menschen zu würdevoller, selbstbestimmter Lebensführung zu verhelfen. Stattdessen liegt die Absicht in einer pfleglichen Verwaltung und Betreuung der Abhängigen.
Diese Ausrichtung der Sozialverwaltung widerspricht ihrer Kernfunktion, den Menschen zu helfen, zu einem selbstbestimmten Leben in Freiheit und Würde zurückzufinden. Zu fordern ist deshalb eine Verwaltungsstruktur, die wie ein umgepolter Magnet wirkt: Wer ihm nahekommt, muss immer wieder in die Selbstbestimmung und Unabhängigkeit zurückgebracht werden.
Mit politischen Mitteln allein wird sich die Verwaltungsstruktur des Sozialstaats kaum umkehren lassen. Appelle verpuffen, wo die scheinbare Interessenlage so eindeutig ist. Gefordert ist eine Emanzipation der Bürger von der Bürokratie. Gefordert ist, Mut zu machen, Lebenskrisen wie die Arbeitslosigkeit in eigener Regie, flankiert durch soziales Engagement des persönlichen Umfelds zu bewältigen. Dies ist ein schwieriger, aber notwendiger Weg zur Rückeroberung der eigenen Selbstbestimmung und Würde.
Hilfreich erscheinen aufklärerische Erziehung und Organisation von Selbsthilfe in Betroffenengruppen. Wichtig sind persönlichkeitsfördernde Impulse, die neues Selbstbewusstsein, Initiative und Unternehmergeist befördern. Die Betroffenengruppen können ein neues Gemeinschaftsgefühl generieren, das durch Zeiten der finanziellen Enge hindurchträgt. Die Menschen werden lernen, dass (vorübergehender) materieller Verzicht erträglich wird, wenn dafür Freiheit, Selbstrespekt und Würde zurückgewonnen werden.

Die erlernte Hilflosigkeit

Ein zentrales psychologisches Konzept, das im Zusammenhang mit der Abhängigkeit vom Sozialstaat und seinen Bürokratien eine Rolle spielt, ist das Konzept der Erlernten Hilflosigkeit. Es geht davon aus, dass Individuen infolge von Erfahrungen der Hilf- oder Machtlosigkeit ihre Verhaltensweisen massiv einengen, indem sie als unangenehm erlebte Zustände nicht mehr abstellen, obwohl sie es objektiv betrachtet könnten. Das von Martin Seligman und Steven Maier 1967 entwickelte Konzept bezeichnet die Erwartung eines Individuums, bestimmte Situationen oder Sachverhalte nicht kontrollieren und beeinflussen zu können. Das Individuum erfährt einen Kontrollverlust, indem eine ausgeführte Handlung und die daraus resultierende Konsequenz als unabhängig voneinander wahrgenommen werden. Diese Erwartung beeinflusst das weitere Erleben und Verhalten des Individuums und kann sich in motivationalen, kognitiven und emotionalen Defiziten manifestieren (Seligman, 1975). Spürbare Folgen des Verhaltens sind zunehmende Passivität und Initiativlosigkeit.
Entscheidungsspielräume und Handlungsspielräume werden zunehmend eingeschränkt. Die Fähigkeit, frei und verantwortlich zu handeln, verkümmert.
Die Folgen sind Abhängigkeit und zunehmende Fremdsteuerung. Beides steht im Widerspruch zur ursprünglichen Absicht der sozialstaatlichen Institutionen, nämlich Hilfe zur Selbsthilfe und rasche Rückführung arbeitslos gewordener Menschen in selbstgesteuertes Handeln und Eigenverantwortlichkeit zu gewährleisten.

“Starker Staat für starke Bürger”

(aus einem meiner Beiträge zur aktuellen FDP-Leitbilddiskussion)
[…] Ich denke, dass sowohl das liberale Staatsverständnis, wie auch das liberale Menschenbild Alleinstellungsmerkmale darstellen, die wir zur Profilierung herausarbeiten sollten.
“Starker Staat” ist ein konsequenter Rechtsstaat, der seine Funktionen auf wenige Bereiche begrenzt und bürgerschaftlichem Engagement möglichst große Freiräume lässt. Der starke Staat ist somit souverän und selbstbegrenzt, aber konsequent und entschlossen im Schutz und in der Förderung seiner Bürger.
Das liberale Menschenbild ist ein positives, das Menschen Kompetenz und Vernunft zuspricht und damit Würde garantiert, die sich aus freier Selbstbestimmung ergibt.
Diese Konzepte unterscheiden sich klar von schwarzen, roten und grünen Vorstellungen:
Ein diffuser Nanny-Staat, der krebsartig in alle Lebensbereiche hineinwuchert, der versorgt und betreut, vorschreibt und regelt bis zum Exzess, dabei aber immer weniger bewältigt, immer höhere Erwartungen weckt und diese immer schlechter bedient und damit Frustration und Staatsverdrossenheit hervorruft.
Ein Bürger, dem man weder Vernunft, noch Kompetenz, weder Bereitschaft, noch Befähigung zur eigenverantwortlichen Lebensgestaltung zutraut und ihn deshalb in fürsorglich-betreuender Absicht zunehmend infantilisiert und damit seiner Würde beraubt.
Liberales Leitbild bleibt der Homo sapiens und wird weder der Homo demenz noch der Homo infantilis. […]

Für einen neu durchdachten freiheitlichen Strafvollzug.
 
Einer der Attentäter von Paris hat uns wieder bestätigt, was wir längst wussten: Unser Strafvollzug leistet keine Resozialisierung, sondern ist ein Ort, an dem Kleinkriminelle sich durch den Kontakt mit anderen Kriminellen verstärkt radikalisieren und erst recht dauerhaft auf die schiefe Bahn gebracht werden. Viele Inhaftierte werden erst in unseren Strafvollzugsanstalten zu Kriminellen gemacht. Der Knast wird häufig genug eine Hochschule für Straftäter.
Aber auch Inhaftierte, die sich nicht kriminalisieren lassen, werden durch die Umstände der Haft dauerhaft psychisch und oft auch physisch geschädigt. Im Knast herrscht ein ständiges latentes Klima von Gewalt. Körperverletzung ist an der Tagesordnung, Inhaftierte werden zu sexuellem Verkehr gezwungen, gedemütigt, bedroht. Zudem führt der Freiheitsentzug durch langfristige Naturdeprivation und das Eingesperrtsein in engen hässlichen Zellen mit offenen Toilettenschüsseln im Wohnbereich, häufig ohne eigene Dusche usw. zu dauerhaften psychischen Schäden.
Eine wirkliche wirksame Resozialisierung findet hingegen in der Regel nicht dauerhaft statt.
Wir sollten als Freie Demokraten über die gängige menschenunwürdige Praxis des Strafvollzugs in unserem Land hinausdenken, Alternativen erwägen und auch traditionelle Grundsätze des Strafvollzugs in Frage stellen.
Müssen wir als freiheitliche Demokraten heute noch den Grundsatz der Buße für eine Straftat vertreten? Ich denke nicht. Moderne freiheitliche Rechtsprechung muss m.E. drei Ziele verfolgen:
Erstens: Eine Schadensbereinigung samt Opferhilfe und Wiedergutmachung einer Straftat (soweit nachträglich möglich) zu erreichen
Zweitens: Eine wirksame Therapie und Resozialisierung des Straftäters zu leisten und
Drittens: Wirksame Verbrechensprophylaxe und Sicherheit der Bevölkerung sicherstellen.
Daraus folgt: Der Straftäter soll nicht mehr eine Strafe büßen, sondern er soll durch Verurteilung angehalten sein, Schäden seiner Straftat vor allem gegenüber den Opfern zu kompensieren und durch aktive Beiträge Wiedergutmachung zu leisten. Die Rechtsprechung der Nachkriegszeit war aus meiner Sicht eindeutig täterfixiert. Opfer kamen in der Regel zu kurz – sie blieben auf ihren Schäden sitzen. Lediglich Opferschutzorganisationen wie der „Weiße Ring“ haben bisher Opferinteressen vertreten. Straftäter wurden weggesperrt, die erheblichen Kosten trug die Öffentlichkeit – der Steuerzahler.
Im freiheitlichen Strafvollzug werden Haftstrafen nur noch für bestimmte gemeingefährliche Tätergruppen verhängt, sowie für solche Täter, die ihren Verpflichtungen zur Schadenskompensation mehrfach und dauerhaft nicht nachkommen. Für sie ist die Haft Beugehaft.
Alle anderen verurteilten Straftäter fallen nicht mehr dem Steuerzahler zur Last, sondern sind als Freigänger verpflichtet, erhebliche Wiedergutmachungsleistungen gegenüber den Opfern und der Öffentlichkeit zu erbringen. Sei es durch finanzielle Leistungen, sei es durch erbrachte Arbeitsleistungen. Zudem sind sie verpflichtet, sich Therapie- und Resozialisierungsmaßnahmen zu unterziehen. Ein Thomas Middelhoff und ein Uli Hoeneß gehören nicht auf Kosten der Steuerzahler in den Knast. Sie nützen dort niemandem. Sehr wohl aber können sie durch Strafzahlungen einen erheblichen Beitrag zur öffentlichen Wohlfahrt leisten. Ebenso gehört der alkoholisierte Autofahrer, der Personenschaden verursachte, oder der fahrlässige Ingenieur oder der Familienvater, der im Affekt Totschlag beging, nicht in den Knast. Sie alle sind nicht potenziell gemeingefährlich. Sie können aber alle aktive Wiedergutmachung leisten und sei es, indem sie eine heruntergekommene Schule durch Eigenarbeit sanieren oder (bei entsprechender Qualifikation und Persönlichkeitsstruktur) Alte und Pflegebedürftige betreuen.
Für die Gruppe der gemeingefährlichen Schwerkriminellen bleibt die Haftstrafe die einzige Option. Unter Umständen bis zum Lebensende, denn Schutz der Öffentlichkeit muss Vorrang haben vor dem Recht des Straftäters auf Freilassung. Allerdings muss der Vollzug menschenwürdig sein und einer kultivierten Gesellschaft angemessen. Therapie und Sozialintegration müssen einen hohen Stellenwert haben. Inhaftierte müssen zudem die Möglichkeit haben, durch Eigenarbeit erhebliche zusätzliche Privilegien innerhalb ihrer Unterbringung erwirtschaften zu können. Außerdem müssen sie an vielen sozialen Aktivitäten und Bildungsangeboten partizipieren können.
Fazit: Wir brauchen eine liberale Neuausrichtung von Verbrechensbestrafung und Strafvollzug. Sie müssen sich am Grundsatz der Humanität orientieren. Ebenso am Grundsatz der Wiedergutmachung. Hierbei müssen Opferinteressen im Mittelpunkt stehen. Der Straftäter soll nicht büßen, sondern aktiv an der Wiedergutmachung seiner Straftat, seiner Therapie und Resozialisierung mitarbeiten. Er wird hierdurch aktiviert, motiviert und zu konstruktiven, gemeinwohlorientierten Beiträgen angehalten, die letztlich in seinem eigenen Interesse liegen.

Im Garten der Sinnfindung


Die Naturwissenschaft sagt uns, dass unser Existenzgrund im Weiterleben unserer Gene besteht. Wir sind da, um zu überleben, um uns gegen Konkurrenten durchzusetzen, um uns fortzupflanzen, um unsere Nachkommen erfolgreich aufzuziehen, um schließlich zu sterben, damit unsere Nachkommen ihrerseits erfolgreich ihre Nachkommen aufziehen können, die dann ihrerseits ihre Nachkommen aufziehen werden…
Ist das reine Fortbestehen im Kreislauf des Fressens und Gefressenwerdens also der eigentliche Sinn und Zweck unserer Existenz?
Viele Menschen finden ihren Lebenssinn in Gott. Für sie ist ein gottgefälliges Leben nach göttlichen Gesetzen Lebenssinn und Lebenszweck.
Welche Lösung auf die Sinnfrage finden aber Menschen, die der Überzeugung sind, dass es keinen Gott gibt?
Viele weichen einer Auseinandersetzung mit der Sinnfrage und letztlich auch mit sich selbst aus. Sie „funktionieren“ zwar im Alltag unauffällig weiter, doch haben sie im Sinne der Existenzphilosophie Martin Heideggers eine Existenzform der „Uneigentlichkeit“, also eine nicht authentische Lebensweise gewählt. Viele dieser uneigentlichen, nicht authentischen Menschen begegnen uns häufig. Manche prägen und bestimmen unsere Gesellschaft. Das öffentliche Leben selbst wird wird uneigentlich und unauthentisch.
Viele Menschen flüchten sich in die Sucht. Sie werden anhängig von Drogen, von Glücksspielen oder von Pornografie. Gerade die neuen Technologien eröffnen Impulskontrollstörungen ein breites Potenzial. Immer mehr dieser Menschen flüchten in Scheinwelten und entziehen sich der Realität. Auch sie prägen eine Gesellschaft des Unwirklichen, des bloßen Scheins.
Andere Menschen reagieren mit Zynismus. Zyniker sind Menschen, die zwar eine große Sinnleere in ihrem Leben empfinden, das Leiden daran und jedes Mitleid für Andere jedoch unterdrücken. Ihr Leben wird dann nur noch von Sachzwängen und dem Selbsterhaltungstrieb vorangetrieben. Auch die Gesellschaft der Zyniker ist unmenschlich, weil bar jeden Mitgefühls und menschlicher Empathie.
Wieder andere Menschen reagieren verzweifelt. In einer solchen Verfassung droht das Leben zu scheitern. Es kommt zu einer chronischen oder akuten Lebensunfähigkeit, Lebensverneinung oder Lebensverweigerung. Mögliche Folgen können Depressionen und Suizid sein. Die Gesellschaft der Verzweifelten ist ein Jammertal der Hoffnungslosigkeit und der Wehleidigkeit.
Schließlich gibt es die „Akzeptiert Hoffnungslosen“, die der Auffassung sind, das Leben habe a priori keinen Sinn und sei an sich absurd. Diese Menschen bewerten ihr Leben als weder gut noch schlecht, sondern haben sich mit der Absurdität ihrer Lage abgefunden und sind zum begrenzten Genuss der Datschenidylle ihrer Absurdität in der Lage.
Wenn wir durch die Straßen unserer Großstädte gehen, begegnen uns alle diese Menschen: Die nichtauthentischen Uneigentlichen, die Süchtigen, die Zyniker, die Verzweifelten und die Akzeptiert-Hoffnungslosen. Die Gesellschaft, in der sie sich bewegen und die sie prägen, ist ein Spiegelbild ihres inneren Seins: Nichtauthentisch und uneigentlich, irreal und weltfremd, zynisch und verzweifelt. Und grau, unendlich grau.
Die Religiösen nennen dies eine gottlose Welt. Eine Welt ohne Gott.
Haben die Religiösen am Ende Recht?
Sie hätten vielleicht Recht, wenn es nicht die anderen Menschen gäbe und nicht die gänzlich andere Welt.
Diese Menschen führen ein Leben in Freiheit und Würde. Sie bestimmen selbst den Sinn ihrer Existenz. Nach Viktor Frankl kann der Mensch seinem Leben prinzipiell in jeder Situation Sinn abgewinnen oder seinem Leben Sinn geben, solange er bei Bewusstsein ist. Der ehemalige KZ-Häftling sagte: „Wer ein Warum zu leben hat, erträgt fast jedes Wie.“ Dies gelte selbst für Extremsituationen. „Was ist der Mensch? Er ist das Wesen, das immer entscheidet, was er ist.“ Ebenso wie Frankl sah auch Karl Jaspers in der Freiheit und dem Bewusstsein der Verantwortung den maßgeblichen Willensakt.
Im Zentrum der eigenen Sinngebung können unterschiedliche Konzepte stehen: Freiheit oder Verantwortung, Selbstverwirklichung oder Entwicklung, Menschlichkeit , Gerechtigkeit oder Frieden.
Immer sind wir selbst es aber, die unserem Leben einen Sinn geben, die unser Leben nach den selbstgewählten Konzepten ausrichten. Ein solch bewusstes, selbstsicheres Leben ist alles andere als grau. Es ist bunt, schillernd, mitunter ein wenig schrill und grell und vielfältig wie das Leben selbst. Sinnerfülltes Leben ist wie gärtnern im Garten der Menschlichkeit. Wir haben unsere Sinne, unseren Körper, unsere Emotionen.
Wir haben die Freiheit und die Chance, unsere Möglichkeiten zu leben.
Nutzen wir sie!