Freitag, 16. Oktober 2015
Selbstbefreiung vom Sex-Zwang
„Sexout“ heißt das neue Buch des auflagenstarken Lebenskunst-Philosophen Wilhelm Schmid. Ein chic klingender neuer Begriff für ein uraltes Phänomen: Mit der sexuellen Leidenschaft wird es in aller Regel in einer Paarbeziehung ab einem gewissen Punkt schwierig. Das Interesse schwindet, die Lust versiegt, Sexualität verkommt zur quälend abgearbeiteten Pflichtübung, auf die wir irgendwann mehr oder weniger gerne verzichten. Und da wir uns in allen gesellschaftlichen Bereichen sehr gerne unter Druck setzen und fremdbestimmen lassen, wird das Natürlichste auf der Welt – das sinkende sexuelle Interesse in der Paarbeziehung – eben zum Megaproblem erklärt, dem man mit allerlei, in der Regel sehr untauglichen Mitteln und Strategien, die Schmid in seinem Buch ausführlich beschreibt, zu Leibe rücken muss. Muss man wirklich? Am Ende seines Buches bespricht Schmid die Askese, rät zu Bescheidenheit der Ansprüche und zu mehr Gelassenheit. Den Sexout nicht zu problematisieren, ist eine weise Einsicht. Es geht darum, den Druck abzubauen, unter den man sich selber setzt. Routinestrategien, die Sex nach Plan verordnen, töten die letzte noch vorhandene Lust ab. Verklemmte Versuche mit Sexspielzeug ebenso. Was hilft, ist, sich selbst zu befreien: Nicht mehr müssen müssen, nicht mehr wollen müssen. Wir brauchen dieses Problem nicht. Wir brauchen selbst den Begriff für das Problem nicht. Unsere Sexualität ist voller faszinierender Möglichkeiten, die wir nutzen können. Wir müssen uns nur treiben lassen und dem freien Spiel der Möglichkeiten hingeben, ohne zwanghaft verkopften Erwartungen zu huldigen. Nichts muss – alles kann. Die sexuelle Selbstbefreiung setzt so manches frei: Die Phantasie, das Verlangen – und die Lust.
Sozialmilieus, Wählervielfalt und die FDP?
Welchen Wähler will die neue FDP eigentlich wie ansprechen? Wenn man Verlautbarungen der Parteispitze oder Einlassungen in der Programmdebatte verfolgt, gewinnt man den Eindruck, es gäbe so etwas wie den typischen Wähler, den man in standardisierter Form ansprechen könne. Dieser typisierte Wähler ist allerdings eine Fiktion – sowohl in psychologischer, als auch in soziologischer Hinsicht.
Psychologie wie Soziologie lassen keinen Zweifel daran, dass Menschen - und damit Wähler – ausgesprochen unterschiedlich sind. Diese Unterschiedlichkeit wird aber meiner Meinung nach in unseren parteistrategischen Überlegungen viel zu wenig reflektiert. Wir sollten uns verabschieden vom „Wähler“ und uns stattdessen „DEN Wählern“ in ihrer ganzen Vielfalt zuwenden.
Die soziologische Vielfalt wird in Sozialstrukturanalysen untersucht. Früher wurden Menschen einer Gesellschaft zunächst Klassen und später Schichten zugeordnet. Heute unterscheidet man „soziale Lagen“, Grundorientierungen von Menschen und soziale Milieus.
So können wir heute innerhalb der bundesdeutschen Gesellschaft elf Milieus unterscheiden (nach SINUS-Institut 2014, von mir verändert):
1.Ausgegrenzte: Personen ohne oder mit rudimentärer Einbindung in gesellschaftliche Strukturen und Prozesse, häufig ohne feste Wohnung und gesundheitliche Versorgung.
2.Prekäre: Um Orientierung und Teilhabe bemühte Personen mit starken Zukunftsängsten und Ressentiments, bemüht, Anschluss zu halten, mit reaktiv-delegativer Grundhaltung und sozialen Rückzugstendenzen.
3.Traditionelle: Die Sicherheit und Ordnung liebende untere Mittelschicht – in der alten kleinbürgerlichen Welt oder der traditionellen Arbeiterkultur verhaftet.
4.Hedonisten: Die spaß- und erlebnisorientierte moderne untere Mittelschicht – Leben im Hier und Jetzt, Verweigerung von Konventionen und Verhaltenserwartungen der Leistungsgesellschaft.
5.Bürgerliche Mitte: Der leistungs- und angepasste bürgerliche Mainstream – generelle Bejahung der gesellschaftlichen Ordnung, Streben nach beruflicher und sozialer Etablierung, nach gesicherten und harmonischen Verhältnissen.
6.Adaptiv-Pragmatische: Die moderne junge Mitte der Gesellschaft mit ausgeprägtem Lebenspragmatismus und Nutzenkalkül – zielstrebig und kompromissbereit, konventionell, flexibel und sicherheitsorientiert, starkes Bedürfnis nach Verankerung und Zugehörigkeit.
7.Sozialökologische: Idealistisches konsumkritisches/-bewusstes Milieu mit normativen Vorstellungen vom „richtigen Leben“ – ausgeprägtes ökologisches und soziales Gewissen, Globalisierungsskeptiker, Bannerträger von Political Correctness und Diversity.
8.Expeditive: Die ambitionierte, kreative Avantgarde – unkonventionell und individualistisch, mental und geografisch mobil, online und offline vernetzt, grenz- und lösungsorientiert.
9.Liberal-Intellektuelle: Die aufgeklärte Bildungselite mit liberaler Grundhaltung und postmateriellen Wurzeln, Wunsch nach selbstbestimmtem Leben, vielfältige intellektuelle Interessen.
10.Performer: Die multioptionale, effizienzorientierte Leistungselite mit globalökologischem Denken, Selbstbild als Konsum- und Stilavantgarde, hohe IT- und Medienkompetenz.
11.Konservativ-Etablierte: Das klassische Establishment – Verantwortungs- und Erfolgsethik, Exklusivitäts- und Führungsansprüche versus Tendenz zu Rückzug und Abgrenzung,
Statusorientierung und Standesbewusstsein.
Diesen elf Sozialmilieus können verschiedene Grundorientierungen zugeordnet werden: Bekommen, Haben, Genießen, Werden, Sein, Festhalten, Bewahren, Verändern, Machen, Erleben, Denken, Interagieren, Grenzen überwinden, Beschleunigung, Verlangsamung, Exploration, Selbstfindung, Ruhe.
In Bezug auf diese Grundorientierungen stellt sich die Frage: Welchen fühlt sich die FDP verpflichtet? Welche will sie in besonderer Weise bedienen? Gibt es welche, denen sie eher fernsteht?
In Bezug auf die elf Sozialmilieus muss man fragen: An potenzielle Wähler aus welchen dieser Sozialmilieus wendet sich die FDP? An alle – oder sind bestimmte Milieus vernachlässigbar, weil aus ihnen ohnehin kaum Wähler zu erwarten sind, etwa die Unterschichtmilieus der „Ausgegrenzten“ und „Prekären“, oder der „Traditionellen“ und der „Bürgerlichen Mitte“, die eher den Volksparteien oder der „Sozialökologischen“, die eher den Grünen nahestehen?
Falls alle gemeint sind, werden auch alle in gleicher Intensität angesprochen oder gibt es Zielgruppen, die mit bestimmten Milieus weitgehend deckungsgleich sind?
Und schließlich, wenn man Klarheit hat, welche Milieus man in welcher Intensität ansprechen will, stellt sich die Frage: Wie will man diese Gruppen ansprechen? Es ist wohl offensichtlich, dass man nicht alle Milieus in gleicher Weise ansprechen kann – dafür sind sie zu unterschiedlich. Im Prinzip wäre zu fordern, für jedes Milieu, das man ansprechen möchte (und das wären im Idealfall alle) eine eigene Ansprachestrategie zu entwickeln – nur so wäre eine zielgruppenadäquate und effektiv-effiziente Ansprache gewährleistet.
Mein Eindruck ist, dass Teile dieser Entscheidungsfragen durchaus vorbeantwortet sind, allerdings nicht hinlänglich reflektiert und sowohl innerhalb der Parteigremien und gegenüber der parteinahen Öffentlichkeit nicht (ausreichend) kommuniziert.
So sehe ich gewisse Präferenzen hinsichtlich der Grundorientierungen:
Materiell konsumorientiert statt postmateriell lebensorientiert. Beschleunigung statt Entschleunigung. Verändern statt Bewahren. Mehr bekommen statt Genießen. Interaktion statt Selbstfindung.
Man gewinnt den Eindruck, dass insbesondere Vertreter postmaterieller und hedonistischer, aber auch konservativer Werte bislang nicht effektiv angesprochen werden. Dies mag an einer (Über)betonung der Werte "Leistung" und "Fortschritt" liegen.
Meiner Meinung nach sprach - und spricht – die FDP deutlich bevorzugt Wähler aus den fünf gehobenen Milieus an, insbesondere die „Liberalen Intellektuellen“, die „Performer“ und die „Expeditiven“, deutlich weniger die „Konservativ Etablierten“ (CDU/CSU-Klientel) und die „Sozialökologischen“ (Grünen-Klientel). Die Milieus der mittleren und der Unteren Mittelschicht („Adaptiv-Pragmatische“, „Bürgerliche Mitte“, „Traditionelle“ und „Hedonisten“ ) werden sehr viel weniger angesprochen und zudem zielgruppeninadäquat. Bisher gelingt es nur mangelhaft, diese Gruppen zu erreichen. Noch viel weniger trifft das auf die Milieus der Unterschicht, die „Prekären“ und die „Ausgegrenzten“ zu. Man gewinnt den Eindruck, dass dieses Segment bisher nicht, bzw. völlig inadäquat bearbeitet wird.
Fazit:
Wir sollten Klarheit darüber gewinnen, wer unser potenzieller Wähler ist und wer er nicht ist. Vielleicht macht es Sinn, sich auf bestimmte Milieus zu konzentrieren und andere zu vernachlässigen. Andererseits stünde es unserem liberaldemokratischen Anspruch gut zu Gesicht, eine wirksame Kommunikation mit allen Gruppen der Gesellschaft zu entwickeln. Wichtig erscheint mir in jedem Fall, dass diese Entscheidungen gut reflektiert getroffen und transparent kommuniziert werden. Darüber hinaus sind dann zielgruppenadäquate Ansprachestrategien für diese Milieus zu entwickeln.
DEN potenziellen FDP-Wähler gibt es nicht. Wir sollten ihn zu Grabe tragen!
Freitag, 9. Oktober 2015
Die Rückeroberung des Begriffs der Freiheit
Man begegnet dieser offensichtlich weit verbreiteten Volksmeinung immer wieder: Die „Alternative für Deutschland“ vertrete so etwas wie den eigentlichen, wahren Liberalismus, wertverbunden und prinzipienorientiert. Die FDP sei hingegen eine identitätslose Softcoreversion des Liberalismus, anfällig gegenüber schädlichen Tendenzen des politischen Mainstream und monetären Verlockungen und deshalb letztlich verzichtbar. Wie kann es eigentlich sein, dass eine Partei wie die „AfD“, die offensichtlich so gar nichts mit freiheitlichem Denken zu tun hat, die auf engste mit nationalchauvinistischen und ressentimentgesteuerten Wut- und Angstbürgerbewegungen wie Pegida verknüpft ist, von so vielen Menschen immer noch für den Gralshüter des Liberalismus gehalten wird? Wie kann es sein, dass sich im liberalen Umfeld, bei der Hayek-Gesellschaft etwa, in freiheitlichen Blogs, Thinktanks und Netzwerken Denkende und Schreibende über den Umgang mit fragwürdigen Kräften zerstreiten und an der Frage verzweifeln, wo genau die Grenzen der liberalen Familie zu ziehen sind? Ohne diese Fragen auf Anhieb beantworten zu können, ist eines offensichtlich klar: Dass wir es bei soviel Orientierungslosigkeit mit einer Diffusion des Liberalismusbegriffs und mit einer Identitätsstörung des politischen Liberalismus zu tun haben.
Früher war die
politische Orientierung doch einfach und klar: Es gab das
freiheitliche bürgerliche Lager, modernistisch geprägt,
marktwirtschaftlich orientiert und demokratisch verwurzelt – und es
gab die politische Rechte, faschistoid ausgerichtet und staatsfixiert
denkend. Zwischen beiden lag kaum etwas, es gab wenig, das sie
verband und unendlich viel, das sie trennte. Heute sind die Konturen
aufgeweicht, diffus verschwommen. Es gibt nicht wenige
nationalchauvinistische Reaktionäre, die sich zum freien
Unternehmertum bekennen und marktwirtschaftlich geben. Andere
selbsterklärte „Liberale“ bekämpfen auf aggressive Art die
offene Gesellschaft und stellen die Ideen der Aufklärung und Werte
wie Toleranz und Vielfalt offen in Frage. Wo es früher eine
deutliche Abgrenzung von Kulturen und Sprache gab, finden wir heute
zunehmend eine Vermischung: Nationalchauvinistisches, völkisch
geprägtes Gedankengut und menschenverachtend - zynische Sprache
dringen immer weiter in die bürgerliche Gesellschaft vor und
verändern das kollektive Bewusstsein. Hemmungen schwinden, die
offene Gesellschaft gerät in Rückzugsgefechte mit der immer
offensiver vorgetragenen Gegenoffensive. Diese Bedrohung von Rechts
ist anders als früher deshalb so gefährlich, weil sie den
freiheitlichen Habitus imitiert und sich unserer Kulturformen und
Begriffe bedient. Die neue Gefahr von Rechts kommt heute mitten aus
dem bürgerlich-freiheitlichen Lager. Es scheint so, als habe ein
Wirkstoff seine chemische Struktur verändert und sei heute, anders
als früher, in der Lage, die Blut-Hirn-Schranke zu überwinden und
auf das Gehirn unmittelbar einzuwirken.
Wir erleben gegenwärtig einen inflationären Gebrauch der freiheitlichen Begriffe. Von rechts bis grün bezeichnet man sich als "liberal". Liberalsein ist offensichtlich "in", entspricht dem Zeitgeschmack. Dass große Unklarheit darüber besteht, was der Modebegriff eigentlich genau bedeuten soll, stört offenbar wenig. Eine besondere Rolle spielt die Usurpation des zentralsten Begriffes des
Liberalismus überhaupt: Dem der Freiheit. Der Freiheitsbegriff ist
heute völlig diffus und kann mit völlig austauschbaren Inhalten
gefüllt werden. In Österreich kommt die „Freiheitliche“ Partei
mit rassistischen Parolen und antipluralistischen, intoleranten
Konzepten daher. Internetportale, die sich in ihren Kolumnen gegen
die offene Gesellschaft und aufklärerische Ideen von Toleranz und
Vielfalt richten, bedienen sich der freiheitlichen Metaphorik. Für
den naiven Leser ist heute überhaupt nicht mehr klar, für was
zentrale Begriffe des politischen Liberalismus stehen und –
schlimmer noch – für was sie nicht stehen.
Mindestens ebenso
negativ wirkt sich aus, dass es den neurechten Demagogen gelungen
ist, zentrale Werte für sich zu besetzen. Der „AfD“-Politiker
Alexander Gauland etwa schrieb: “Wir werden es künftig mit zwei
kulturellen Milieus zu tun haben, einem liberal individualistischen,
das sich für Zuwanderung, die Anerkennung von homosexuellen
Lebensgemeinschaften und jede Art von Selbstverwirklichung stark
macht, und einem wertkonservativen, das auf einer verbindlichen
Identität aus moralischen Prinzipien und abendländischen
Traditionen besteht und wirtschaftlichen Notwendigkeiten wie
wirtschaftlichen Erfolgen eher skeptisch gegenübersteht, also nicht
mehr das bürgerliche Lager gegen die Sozialdemokratie, sondern
Konservative versus Liberale in allen Parteien.“ Anders als andere
schmückt sich Gauland nicht mit dem Liberalismus-Begriff, sondern
grenzt sich davon ab, indem einen Hiatus zwischen „wertgebundenen
Konservativen“ und „wertfreien Liberalen“ generiert. In jedem
Fall besteht ein Hegemonieanspruch der Neurechten auf Wert und Moral:
Das wertgebundene, moralische Milieu, so die Erzählung, stehe für
Heimat, Tradition, Religion, für das Gute eben. Die offene
Gesellschaft und ihre Protagonisten hingegen stehen für
Bindungsverlust, Entfremdung, Degeneration.
Unschuldig sind wir
Liberale nicht daran, dass diese Umdeutungen und Usurpationen
gelingen konnten. Bedürfnisse und Ängste von Menschen wurden zu
wenig reflektiert. Zu wenig beachtet, dass Menschen Bindung brauchen
und Veränderung verarbeitet werden muss, dass zuviel Veränderung in
zu kurzer Zeit Menschen überfordern kann. Ebenso wurde viel zu wenig
die Werthaftigkeit und Wertgebundenheit von Liberalismus
kommuniziert. Liberalismus bedeutet eben nicht Werterelativismus,
auch nicht blinden Progressivismus. Freiheit bedeutet eben nicht
Wertfreiheit, nicht Ungebundenheit und Bindungslosigkeit, nicht
Isolationismus. Freiheit, wie Liberale diesen Begriff verstehen,
bedeutet Freiheit in Verantwortung und Offenheit auf der Grundlage
ganz entschiedener Wertebindung.
Wie können wir der
Begriffsverunklärung und dem Hegemonieanspruch der Neurechten auf
Werte und Moral entgegenwirken? Es geht um nicht weniger als die
Ehrenrettung des Liberalismus in dieser Zeit. Um die Rückeroberung
unseres Terrains, die Rückeroberung unserer Begriffe. Liberalismus
ist mehr, viel mehr, als nur ein Bekenntnis zu marktwirtschaftlichen
Prinzipien. Wer antiwestliche Positionen vertritt und Sympathien für
Putins Staatsmodell hegt, kann kein Liberaler sein. Wer christlichem
Fundamentalismus huldigt oder ein archaisches, frauenfeindliches
Familienmodell vertritt, kann kein Liberaler sein. Wer
fremdenfeindlichen Ressentiments und Vorstellungen einer national
geprägten Volksgemeinschaft anhängt, kann kein Liberaler sein. Auch
dann nicht, wenn er, wie FPÖ-Politiker dies gerne tun, auf die enge
Verbindung von nationalem und freiheitlichem Lager im deutschen
Vormärz, also der Zeit zwischen 1830 und 45, verweist. In der
Frühphase der Entwicklung unseres Parteiensystems gab es auch enge
Verbindungen zwischen liberalen und radikaldemokratischen Kräften,
aus denen später Stalinisten und SED-Sozialisten hervorgegangen
sind. Gemeinsame Herkunft kann nicht bedeuten, dass später nach
völliger Auseinanderentwicklung nicht eine radikale Abgrenzung
erforderlich ist.
Die klare
Polarisierung, die unser Land in der Flüchtlingsfrage erlebt, bietet
die Chance, die Grenzen wieder neu zu ziehen und in der Zukunft
besser zu verteidigen. In dieser Frage ist unsere Gesellschaft tief
gespalten: Die Anderen stehen für nationalchauvinistische
Ressentiments, für Abgrenzung, für Abschiebung, für Fremdenangst
und Zukunftsangst, für Unmenschlichkeit gegenüber Menschen in Not.
Das freiheitliche Bürgertum – und zwar gleichermaßen die, die
sich eher im klassischen Sinn als Liberale und die, die sich eher
als freiheitliche Wertkonservative bezeichnen – stehen für
Mitmenschlichkeit, für Integration, für Offenheit und Optimismus
trotz Wagnis. Das freiheitliche Bürgertum steht für „German Mut“,
ist bereit, für seine Überzeugungen Opfer zu bringen und viel zu
riskieren. Liberalismus ist zutiefst von Menschenfreundlichkeit und
Menschlichkeit geprägt, von Optimismus und einem positiven
Menschenbild. Das unterscheidet uns fundamental von den
selbsternannten Pseudoliberalen und Moralaposteln, die sich im Umfeld
der „AfD“ als besorgte Bürger tummeln.
Donnerstag, 8. Oktober 2015
Facebook-Schnipsel
Horst Seehofer und die "Herrschaft des Unrechts"
"Wir haben im Moment keinen Zustand von Recht und Ordnung. Es ist eine Herrschaft des Unrechts." So spricht der Parteivorsitzende einer Partei, die auch weiterhin wenig Probleme damit haben wird, als Koalitionspartner an der Regierung beteiligt zu sein, die die Herrschaft des Unrechts implementiert. Seehofer verurteilt, was er (als Chef einer Regierungspartei) selber repräsentiert. Die Klinische Psychologie kennt hierfür den Begriff der Dissoziation – eine Trennung von im Normalfall verbundenen Wahrnehmungs- und Gedächtnisinhalten. Die Folge ist eine Störung der integrativen Funktionen des Bewusstseins und der Identität.
Antidiskriminierung und Hausrecht
Bei gewerblichen Betrieben darf es aus meiner Sicht anders als im Privathaushalt keine formelle Diskriminierung geben. Formelle Diskriminierung bedeutet, Menschen aufgrund bestimmter Merkmale oder auch aufgrund eines nicht näher bestimmten Gesamteindrucks den Zutritt zu verwehren. Öffentliches Interesse an Nichtdiskriminierung ist höher zu gewichten als das Hausrecht des Gewerbetreibenden. Zulässig hingegen ist informelle Diskriminierung etwa über Preise, Kleiderordnung oder sonstige Verhaltenskultur. Entscheidend ist, dass hier der Gast selber entscheidet, ob er/sie unter den gegebenen Bedingungen teilnehmen möchte.
Christian Lindner zum Antisemitismus von Flüchtlingen
Starker Auftritt von Lindner. Problematisch aber die Aussage zu Josef Schuster: Pauschalisierungen sind immer fragwürdig. Richtig ist aber, dass die Flüchtlinge zu einem sehr erheblichen Teil aus Gesellschaften kommen, die massiv anti-israelisch bzw. anti-jüdisch geprägt sind. Es geht ja hier um Gefahrenabwehr, um Prophylaxe. Da ist es schon legitim, Gruppen besonders im Auge zu haben, bei der die Prognose unzweifelhaft ungünstig ist. Mediziner gehen regelmäßig so vor: Besondere Wachsamkeit bei spezifischen genetischen Dispositionen oder anderen Risikofaktoren. Das bedeutet keine Aussage über den individuellen Einzelfall, auch keine Verharmlosung oder Relativierung rechter Gewalttäter.
Zum Rauswurf Matthias Matusseks bei der "Welt"
Konsensfaschismus: Unsinn! Verlage und Medien müssen auf unsägliche Äußerungen reagieren dürfen. Wollen sie sich nicht dem Vorwurf wertevergessenen Relativismus schuldig machen, müssen sie es sogar. Der Rauswurf war ein Akt von Zivilcourage und Betriebshygiene.
Umgang mit Terrortätern
„Warum geben die Medien so einer Kreatur "last minutes of fame"? Sie ist tot. Gut so. Abhaken. Nächste(n) finden.“ kommentiert Wolfgang J. Stützer.
So einfach sollten wir es uns nicht machen, finde ich. Täter sind immer auch Opfer, Menschen, die ihre Menschlichkeit auf dramatischste Weise verloren haben, fürchterlich gescheiterte Entwicklungen und Biografien, unendlich bittere Geschichten verlorener Träume und Hoffnungen. Mich stimmen solche Lebensgeschichten unendlich traurig. Wir sollten diese Täter, die auch Opfer sind, nicht dehumanisieren – damit stellten wir uns auf eine Stufe mit den Entmenschlichern selbst. Wir sollten uns nicht blindem Hass hingeben, sondern nach den Ursachen fragen, die eine Entmenschlichung von Menschen möglich machen. Und der verlorenen Seelen im Stillen gedenken.
Flüchtlingsintegration
Damit gesellschaftliche Integration gelingt, muss sie sehr früh – möglichst schon in den Erstaufnahmeeinrichtungen – anlaufen. Die Mehrheit der Flüchtlinge kommt aus bildungsfernen Schichten mit männerdominierter archaischer und streng muslimischer Prägung. Zudem kommen fast alle Flüchtlinge aus ausgesprochen staatsautoritären Gesellschaften. Erfahrungen der Kriegssituation und der Flucht haben zu einer ausgeprägten Enthemmung und Gewaltprägung geführt. Es muss daher vor allem darum gehen, diese Menschen an unser Rechts- und Normensystem, sowie an westliche Werte und Zivilisationsstandards heranzuführen. Vielfach herrschen Versorgungsmentalität, Passivität und unrealistische Erwartungshaltung in Bezug auf Konsummöglichkeiten und Lebensführung vor. Lethargie, Depression und Ängsten muss durch frühzeitige Anleitung zu Eigeninitiative und Selbsthilfe entgegengewirkt werden. Dies gelingt am besten, wenn Flüchtlinge so früh wie möglich die Massenunterkunft verlassen können und am beruflichen und gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Wir dürfen diese Menschen keineswegs in Wartezonen parken, sondern müssen sie frühzeitig durch aufwändige Maßnahmen integrieren und auch Eigenleistung und eigenes Bemühen um Integration von ihnen einfordern.
Reaktion auf Terror
Die Feinde der offenen Gesellschaft wollen nicht nur, dass wir im Alltag Angst haben. Sie bezwecken, dass unsere Gesellschaften sich radikalisieren, ihre Offenheit durch Abschottung ersetzen und so ihre Stabilität verlieren. Deshalb sind wir aufgerufen, aus der Trauer die Kraft zu entwickeln, die innere Liberalität entschiedener als bisher zu verteidigen.
Meinungsfreiheit
Meinungsfreiheit bedeutet eben nicht, dass wir alles ertragen und aushalten müssen. Meinungsfreiheit schliesst auch das Recht ein, Meinung abzulehnen, zu widersprechen und aufzubegehren. Bürger haben das Recht, Geschäftspartner aufgrund ihrer Positionen abzulehnen. Das gilt auch für Verlage und Buchhändler gegenüber Autoren. Meinungsfreiheit ist keine Duldungsverpflichtung.
Es geht hier doch gar nicht um Grenzen der Meinungsfreiheit, sondern um Zivilcourage. Meinungsfreiheit ist keine Duldungsverpflichtung. Menschen müssen nicht jede Zumutung ertragen und stehen dagegen auf. Buchhändler und Verlage zeigen Flagge und reagieren - wenn auch zu spät. Passanten zeigen Zivilcourage in der Fußgängerzone, indem sie klar machen: Wir wollen das hier nicht. Das ist großartig!
Sind wir zu liberal?
Wir sind zu tolerant gegenüber Intoleranz. Wir verwechseln zu oft wertgebundene Freiheitlichkeit mit werterelativistischem Liberallala. Freiheit, die sich nicht gegen ihre Feinde abzugrenzen versteht, weiß sich auch nicht gegen sie zu verteidigen.
Hassbürger
Die Ressentiments der Hassbürger sind ganz stark von gelernter Hilflosigkeit geprägt, vom Gefühl der Selbstunwirksamkeit, der Unfähigkeit, das eigene Leben gestalten, beeinflussen, verändern zu können. Unsere Welt ist eine Welt der Außengeleiteten, der Getriebenen, der Fremdbestimmten geworden. Was wir dagegensetzen müssen, ist eine neue Erzählung der Freiheit, eine Lebenskultur der Freiheit, wie sie etwa Ralph Waldo Emerson in "The American Scholar" zum Ausdruck gebracht hat: Sich auf sich selbst und seine Fähigkeiten besinnen, sein Leben selbst in die Hand nehmen, Verantwortung übernehmen, sich für frei und unabhängig erklären. Was wir dazu brauchen, ist Optimismus, Mut - und eine Vision vom besseren, wirkungsvolleren Selbst.
Horst Seehofers "infantiler" Politikstil in der Flüchtlingsfrage
Marion Horn hat Recht: Horst Seehofer handelt populistisch, unreflektiert, kurzsichtig, staatspolitisch unverantwortlich. Das hat etwas Unreifes - doch es betrifft nicht nur Seehofer und die vorpreschenden CSU-Granden allein. Der "Besorgte-Bürger"-Kultur insgesamt haften gewisse unreife, infantile Verhaltensmuster und Attitüden an: Eine mangelhafte Bereitschaft, die Dinge zu Ende zu denken, eine mangelnde Fähigkeit, Verantwortung übernehmen zu wollen und über den eigenen Tellerrand hinauszudenken, ein narzisstischer Egozentrismus, eine Unwilligkeit, zu teilen, vom Eigenen abgeben zu können. All das kennzeichnet präadulte Entwicklungsphasen.
Ehe-Resilienz und Gender
Ehen scheitern heute vielleicht nicht öfter als früher, aber sie werden viel öfter und schneller geschieden. Diese mangelhafte Resilienz von Ehe (und Beziehung insgesamt) ist dem Zeitgeist geschuldet: Oberflächlichkeit und Larmoyanz, überzogener Individualismus, egoistisch-narzisstische Tendenzen, überzogene Konsumhaltung (Wegwerfmentalität), fehlende Bereitschaft, mühevolle Beziehungsarbeit leisten zu wollen oder zu können uvm. Was "Gender" betrifft: Solange die Bewegung mit emanzipativem Anspruch daherkommt, der für die Interessen von Minderheiten eintritt, verdient sie volle Unterstützung. Aber es gibt wohl auch dogmatische und destruktive Tendenzen der Intoleranz gegenüber dem Mainstream, die sich gegen konservative Lebensmodelle, unsere Sprache und unser Denken richten.
Fernsehauftritt der Kanzlerin in der Flüchtlingskrise
Die Kanzlerin verkörperte in diesem Gespräch alles, was wir in der FDP mit "GERMAN MUT" ausdrücken wollen: Optimismus, Grundsatztreue, Selbstvertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit, Entschlossenheit, sich gewaltigen Herausforderungen zu stellen, voranzugehen und in Europa Führung zu zeigen. Und eben viel Mut, dafür mit der eigenen Person einzustehen. Dieser offene und ehrliche, sehr lutherische Auftritt war anrührende, große Kommunikation.
Liberale Handschrift in der Flüchtlingspolitik
Ein sächsischer FDP-Ortsverein lädt zu einer Abendveranstaltung mit der "AfD"-Vorsitzenden Frauke Petry ein und erntet breite Zustimmung vor Ort. Nach Einschätzung von Tom Thieme, Politikwissenschaftler an der TU Chemnitz, stehe die FDP derzeit vor einem Dilemma: Die Partei müsse entweder einen asylfreundlichen oder einen asylkritischen Kurs einschlagen. Eine asylfreundliche FDP würde sich allerdings kaum von anderen Parteien abheben. Und eine asylkritische FDP könne der AfD nicht das Wasser reichen, wenn es um das Flüchtlingsthema gehe. Dieses Dilemma führe zu irrationalen Entscheidungen wie der, Frauke Petry einzuladen, so Thieme.
Ich sehe das Dilemma für die FDP nicht, das Tom Thieme beschreibt. Als humanistisch geprägte Rechtsstaatspartei stehen wir ohne Wenn und Aber zum Asylrecht. Möglichkeiten zur Profilschärfung gibt es dabei genug: Entbürokratisierung, integrationsfördernde, dezentrale Unterbringung, Förderung von bürgerschaftlichem Engagement, Anreize zu Eigenleistung und Eigeninitiative von Flüchtlingen schaffen etc. Es gibt breiten Raum für genuin liberale Impulse und Aktivitäten in der Flüchtlingspolitik. Gemütliche Abende mit Frauke Petry gehören aber ganz sicher nicht dazu.
Montag, 5. Oktober 2015
Drei Ansätze zu einer liberalen Naturpolitik
Drei Ansätze zu
einer liberalen Naturpolitik
Neben zwei oder drei
Kernthemen, die unseren Wahlkampf prägen werden, benötigen wir auch
in anderen Politikbereichen eine genuin liberale Handschrift. Die
Zeiten müssen vorbei sein, in denen wir uns auf wenige Themen
beschränken und alle anderen weitgehend der politischen Konkurrenz
überlassen. Ein solches Thema ist die Natur- und Umweltpolitik. In
den siebziger Jahren gab es wichtige umweltpolitische Initiativen der
FDP, seither aber ist das Thema Umweltpolitik und insbesondere die
Naturpolitik randständig vernachlässigt worden. Deshalb meine
These:
Die FDP muss die
Naturpolitik als Thema zurückerobern und den Hegemonieanspruch der
Bündnisgrünen in der Naturpolitik zurückweisen. Wir können
Naturpolitik besser!
Dazu aber braucht es
eine genuin liberale Handschrift und einen eigenen liberalen Ansatz
in der Naturpolitik. Ich möchte hierzu folgend drei
Ansatzmöglichkeiten zur Diskussion vorschlagen. Es handelt sich
dabei nicht um konkrete politische Forderungen, sondern um allgemeine
Ausrichtungen, die im Zusammenhang mit Grundsatzpositionen in anderen
Politikbereichen gesehen werden müssen.
Ansatz 1.
Naturpolitik mit den Menschen, nicht gegen die Menschen!
Die bisher
praktizierte Naturschutzpolitik – insbesondere auch die der
Naturschutzverbände – ist sehr häufig gegen die Menschen und ihre
Interessen gerichtet. Menschen werden beim Naturschutz, insbesondere
da, wo es um den Schutz bedrohter Arten geht, in der Regel nur als
Störfaktor gesehen, der effektivem Naturschutz im Weg steht. Die
Folge ist etwa, dass das Betreten ausgedehnter Flächen in
Naturschutzgebieten häufig komplett untersagt wird. Ein solches
Naturschutzkonzept ist kontraproduktiv, da es Menschen aussperrt und
intensives Naturerleben, das erst die Bereitschaft zu
Naturschutzbemühungen fördert, völlig ausschließt.
Das liberale
Verständnis setzt auf den mündigen, aufgeklärten Menschen und auf
seine Bereitschaft, im Einklang mit eigenen Interessen im Verkehr, in
der Landwirtschaft und im Freizeitverhalten zum Naturschutz aus
eigenem Antrieb beizutragen. Liberale Politik sperrt Menschen nicht
aus, sondern bezieht sie mit ein, ermöglicht Begegnung mit der
Natur, fördert aktiv Aufklärung und die Bereitschaft zur Mitarbeit.
So entsteht das Gefühl, dass man selber am Naturschutz beteiligt
wird und er nicht gegen einen und die eigenen legitimen Interessen
repressiv durchgesetzt wird.
Ansatz 2. Toleranz
und Vielfalt – auch in der Naturpolitik!
An der Herkulesstaude oder dem Riesenbärenklau (Heracleum
mantegazzianum, Syn.: Heracleum giganteum) scheiden sich
bei uns im Siegtal die Geister. Eine regionale Initiative hat sich
gegründet, die dem angeblich gefährlichen Neophyten (das sind
Pflanzen fremdländischen Ursprungs - also Einwanderer) den Garaus
machen sollen: Das "KulturBiotop Siegtal" fordert ein
herkulesstaudenfreies Siegtal. Doch auch andere Einwanderer stehen
auf der Abschussliste, so im Siegtal der Staudenknöterich (Fallopia
japonica , auch Polygonum cuspidatum) und das indische
Springkraut (Impatiens glandulifera). Alle drei attraktiven
Arten kultivieren wir erfolgreich in den WINDECKER GARTENTRÄUMEN.
Auf der Geltinger Birk in Schleswig Holstein wird die Kartoffelrose
(Rosa rugosa, hier im Foto) bekämpft: Ein
wunderschöner Anblick am Meer, doch auch sie ein vermeintlich
„gefährlicher invasiver Neophyt“, weil sie eine andere, hier
länger heimische Wildrosenart verdrängt.
Nicht wenige
Menschen stellen das Existenzrecht von Neozoen und Neophyten, von
eingebürgerten Tieren und Pflanzen, in Frage. Häufig wird dann
ökologisch argumentiert: Die Neubürger störten das ökologische
Gleichgewicht und verdrängten „einheimische“ Arten, was sie ohne
Zweifel mitunter tun. Dahinter steht dann immer eine statische
Vorstellung von Lebensgemeinschaften: Die Alteingesessenen haben eine
Lebensberechtigung, die Neubürger gelten als Störfall, als
Bedrohung. Diese Menschen glauben an eine ewiggültige Vorstellung
von „deutschem“ Wald und „deutscher“ Flur. Arten, die zu
Goethes Lebzeiten schon hier waren, gehören dazu. Arten, die später
gekommen sind, nicht.
Die entgegengesetzte Sicht ist die, Lebensgemeinschaften dynamisch zu betrachten, d.h. wie die Evolution selbst ständig Veränderungen unterworfen. Neuankömmlinge gelten so als Bereicherung, selbst dann, wenn sie alteingesessene Arten verdrängen. Arten haben allein durch ihr Dasein eine Lebensberechtigung erworben.
Die entgegengesetzte Sicht ist die, Lebensgemeinschaften dynamisch zu betrachten, d.h. wie die Evolution selbst ständig Veränderungen unterworfen. Neuankömmlinge gelten so als Bereicherung, selbst dann, wenn sie alteingesessene Arten verdrängen. Arten haben allein durch ihr Dasein eine Lebensberechtigung erworben.
Als Liberale sollten
wir für ein dynamisches Naturverständnis eintreten und Toleranz
praktizieren, so wie wir es im gesellschaftlichen Bereich längst
ganz selbstverständlich tun. Für gesellschaftliche Vielfalt und
Toleranz einzutreten und gleichzeitig ein starres, statisches
Naturverständnis zu propagieren und zum Vernichtungsfeldzug von
„invasiven Neozoen und Neophyten“ aufzurufen, passt einfach nicht
zusammen! (Dies als kleiner Wink an befreundete
FDP-Kommunalpolitiker, für die dieser Spagat kein Problem zu sein
scheint...) Als Partei der Vielfalt, der Toleranz und der
„Willkommenskultur“ müssen wir ein solches Verständnis auch der
Natur gegenüber praktizieren.
Ansatz 3. Mehr
Nichtintervention wagen!
Im Vergleich zu
unseren politischen Konkurrenten neigen Liberale traditionell
deutlich weniger zu Interventionen – etwa des Staates in den
Wirtschaftskreislauf. Anarcholibertäre treiben diese
Nichtintervention, das Laissez-Faire, bekanntlich auf die Spitze,
doch selbst „Sozialliberale“ unterscheiden sich im Hinblick auf
die Hemmung zum Eingriff noch deutlich von Sozialdemokraten. Wir
greifen nicht ein, weil wir glauben, dass sich spontane Ordnungen
besser, innovativer und effektiver regulieren. Wir sollten dieses
Prinzip als Liberale auf unseren Umgang mit der Natur übertragen!
Selbst in der
Kulturlandschaft ist sehr viel mehr Wildnis möglich. Mehr Flächen
ausweisen, die sich selbst überlassen bleiben. Jagd nur noch dort,
wo andere, naturnähere Methoden der Bestandsregulierung versagen.
Mehr Mut bei der Ansiedlung von bestandsregulierenden Prädatoren wie
Wolf und Bär. Vielfalts- und stabilitätsorientierte Aufforstung.
Bei Schäden prüfen, ob eine natürliche Selbstregulation und
Selbsttherapie der Naturlandschaft nicht möglich und vorzuziehen
ist. Und vieles mehr.
Fazit: Drei Ansätze
zu einer liberalen Handschrift in der Naturpolitik, die dem Menschen
mehr zutraut, nämlich aktiv am Naturschutz mitwirken zu wollen und
zu können. Die der Natur mehr zutraut, nämlich ohne menschliche
Eingriffe Stabilität organisieren zu können. Die auf Vielfalt und
Toleranz setzt, originär freiheitliche Tugenden - in der
menschlichen Gesellschaft längst erprobt.
Für Ergänzungen
bin ich dankbar!
Donnerstag, 10. September 2015
Der sich selbstentwickelnde Charaktertypus
Der Charaktertypus, der uns Liberalen vorschwebt, ist der sich selbstentwickelnde Charakter, der einem Dirigenten, einem schaffenden Künstler gleich, sich ständig neu formt, entwirft und entfaltet. Dieser Charaktertypus vereint in sich die Offenheit und Flexibilität von Riesmans außengeleitetem Charakter mit der Wertorientierung und Verwurzelung des innengeleiteten Charakters. Der freiheitliche Mensch ist undogmatisch, offen für Neues und veränderbar. Aber ebenso weiß er stets, wer er ist, woher er kommt und wohin er will. Er vermeidet Beliebigkeit, verfügt über Lebenssinn, Ziel und Richtung. Wenn er über Sinn verfügt, hinterfragt er sich aber ständig und ist auf der Suche nach neuem Sinn und neuer Wahrheit. Wenn er ein Ziel verfolgt, so lässt er sich gerne vom Weg abbringen, denn der Weg zu sich selbst ist sein eigentliches Ziel. Wenn er in eine Richtung aufbricht, so rennt er nicht blindlings geradeaus, sondern schaut sich ständig um, verändert seine Richtung und kehrt vielleicht um, wenn er es für richtig befindet. Er ist ein kritischer Individualist. Seine bodenständige Verwurzeltheit und Wertorientierung ermöglicht ihm die weltoffene Exploration und experimentierfreudige Neugier und Suche nach sich selbst und seinen Möglichkeiten.
Samstag, 5. September 2015
Nach Finsterdeutschland Brücken bauen!
Der Bundespräsident
hat im Zusammenhang mit der Flüchtlingskatastrophe von
„Dunkeldeutschland“ gesprochen und dafür heftige Prügel
bezogen, zum größten Teil, aber nicht nur, aus eben jenem
gesellschaftlichen Segment, das er mit dem Begriff umschreiben
wollte. Er habe gespalten, warf man ihm vor, die Republik in „hell“
und „dunkel“ geschieden, in „gut“ und „böse“. Das stehe
einem Staatsoberhaupt nicht zu. Seine Aufgabe sei, das Volk zu
versöhnen, nicht es zu spalten. Die Aufgabe des Bundespräsidenten
ist aber auch, gesellschaftliche Entwicklungen zu benennen und sie im
Sinne von Freiheit und Menschenwürde zu verändern. Und genau das
hat Joachim Gauck getan.
Es gibt
Dunkeldeutschland, daran kann kein Zweifel bestehen. Ich selbst habe
es – etwas pathetischer - „Finsterdeutschland“ genannt und es
einem „Lichtdeutschland“ gegenübergestellt. In
Finsterdeutschland herrschen Zynismus und Menschenverachtung,
Ablehnung und Fremdenfeindlichkeit. Im Herz der Finsternis herrschen
rohe Gewalt bis hin zum versuchten Mord. In Lichtdeutschland gibt es
warme Empathie und bewunderungswürdiges soziales Engagement, Hilfe
für Menschen in Not, humanitäre Initiative. Niemand, der in unseren
Tagen unser Land bereist, wird daran zweifeln, dass es
Lichtdeutschland und Finsterdeutschland gibt. Der Kontrast zwischen
beiden ist zu offensichtlich.
Finsterdeutschland
ist nicht nur „rechts“. Die politische Rechte versucht zwar, die
Debatte zu dominieren und das Spektrum zu infiltrieren. Aber viele,
die meisten der Wutbürger und Angstbürger sind ideologisch nicht
festgelegt. Es gibt sogar bedeutende Strömungen der
politischen Linken in Finsterdeutschland. Die Begriffe „rechts“
und „links“ sind ohnehin zunehmend fragwürdig und in vielen
Debatten nicht hilfreich. Für mich ist die maßgebliche
Unterscheidung "freiheitlich" versus "autoritär"
bzw. "etatistisch". Und da verorten sich "Rechte"
und "Linke" regelmäßig vereint im antifreiheitlichen
Lager. Doch dies nur am Rande. Finsterdeutschland definiert sich
durch die Verortung von Empathie und charakterlicher Größe oder ihr
Fehlen. Nicht durch die politische Landkarte.
Längst nicht jeder
Bürger der Republik lässt sich Licht- und Finsterdeutschand
eindeutig zuordnen. Zwischen beidem liegt eine Grauzone. Deutschland
im Dämmerungszustand gewissermaßen. Dabei kann man angesichts der
Bilder des Flüchtlingselends nicht neutral bleiben. Man kann nur
emotional und empathisch reagieren – oder abgestumpft. Viele
Menschen haben sich sehr schwer getan mit der Veröffentlichung des Fotos
des kleinen Jungen, angeschwemmt am Strand in der Türkei,
Strandgut unserer fürchterlichen Zeit. Sehr viele Menschen
kritisierten die Veröffentlichung aus sehr nachvollziehbaren und
noblen Motiven heraus, sahen die Würde des individuellen Menschen
verletzt oder konnten dieses Bild emotional einfach nicht bewältigen.
Ich selbst habe das Foto des Jungen auf meiner Seite geteilt, mich
aber sehr schwer damit getan. Ich hatte das Gefühl, dass man die
Intimität verletzt, wenn man diesen individuellen Menschen zeigt.
Andererseits hatte ich den Eindruck, dass man den Menschen als Opfer
zeigen muss, um anzuklagen, um Veränderung zu bewirken. Das geht
vielleicht nur mit stark emotionalisierenden Fotos. Und Veränderung
zu bewirken, sind wir dem kleinen Jungen schuldig, fand ich.
Viele Menschen waren
aber aus völlig anderen Motiven gegen dieses Foto. Jemand schrieb
empört, überall sehe man Fotos von toten Kindern, abgetrennten
Köpfen, Frauenleichen mit abgeschnittenen Brüsten. Er finde
das fürchterlich, wolle das nicht sehen. Nun, vielleicht müssen wir
Menschen mit sensiblen Gemütern auch diese Art von Selbstschutz
zugestehen. Grundsätzlich finde ich aber, als Erwachsene müssen wir
uns mit der Realität auseinandersetzen und sie verarbeiten. Da sind
wir angesichts des Elends in der Welt verpflichtet, uns zu stellen
und, nach Möglichkeit, Veränderung zu bewirken. Es geht darum, muss
darum gehen, Not zu mildern und Leben zu retten. Nicht um unsere
Befindlichkeiten. Und die Aufgabe der Medien besteht darin, uns die
Wirklichkeit erfahrbar zu machen, Realitäten aufzuarbeiten. Nicht,
uns in paternalistischer Absicht vor der Wirklichkeit zu schützen
und damit letztlich zu infantilisieren.
Und dann gibt es
jene – und hier bewegen wir uns schon mitten in Finsterdeutschland
– die in der Veröffentlichung des Fotos Manipulation und
Verhaltenssteuerung durch unsere „gutmenschlich-gleichgeschalteten
Medien“ sahen. Es gehe nicht um Flüchtlinge, schrieb etwa
Gerd Held in einer menschenverachtend-zynischen Kolumne. Mit diesem
Begriff werde eine Notlage vorgetäuscht, die es im eigentlichen
Wortsinn nicht gebe. Held entwarf den Mythos einer normativ
verpflichtenden Rettungskultur, die von Griechenland und den Euro
über das Klima bis zu den Kriegsflüchtlingen reiche, und sprach
von "Nötigung der Semantik" und einer "Diktatur des
Rettens", einer moralisierenden Meinungsmacht, die politisches
Handeln ersetze. Damit gestaltet er Feindbilder und entwickelt ein
gefährliches Schisma, indem er rationales Handeln und
emotional-empathische Reaktion zu trennen versucht. „Rettungskultur“,
„Nötigung der Semantik“, „Manipulation durch Emotion“.
Bilder des kleinen Jungen würden genutzt, so Finsterdeutschlands
Zyniker, um – in gutmenschlicher Absicht – unser Land mit
Flüchtlingen „fluten“ zu können.
Apropos Gutmensch:
ein Lieblingsbegriff in Finsterdeutschland. „Gutmenschen“ sind
die Bürger Lichtdeutschlands, die sich um Flüchtlinge kümmern,
ihnen helfen, in unser Land zu kommen. Und damit die Interessen
Deutschlands verraten – so die weit verbreitete Auffassung in
diesen Kreisen. Ich bin, um es klar zu sagen, niemand, der den
Begriff „Gutmensch“ kategorisch ablehnt. „Gutmensch“ ist für
mich der politisch Naive, der in wohlmeinender Absicht politisch
handelt, ohne die langfristigen Folgen dieser Handlungen zu bedenken.
Er handelt im Sinne Max Webers ausschließlich gesinnungsethisch,
nicht verantwortungsethisch. Es gibt diesen Typus des politischen
Akteurs und der Begriff hat aus meiner Sicht durchaus seine
Berechtigung.
Die „besorgten
Bürger“ Finsterdeutschlands verwechseln aber schlicht
„Gutmenschen“ mit „guten Menschen“. Es gibt kein naives, rein
gesinnungsethisch motiviertes Handeln in der Flüchtlingspolitik, das
die Verantwortungsethik ausblendet. Es gibt hier nur Menschlichkeit
versus Unmenschlichkeit, nur Empathie versus Abgestumpftheit, nur
Solidarität versus Egoismus.
Nicht der
Bundespräsident hat unser Land mit seiner Begrifflichkeit gespalten,
denn es gab dieses Schisma in der öffentlichen Meinung und
Darstellung schon vorher. Der Graben ist bittere Realität und er
weitet sich. Wie lässt sich ein weiteres Auseinanderdriften unserer
Bevölkerung verhindern, wie lassen sich Brücken bauen? Die
Vorstellung, eine Brücke ins Herz der Finsternis* bauen zu können,
ist wohl naiv. Zu groß scheinen dort die selbstverliebte Ignoranz,
die Menschenverachtung und der Hass. Aber die weiten Randbereiche
Finsterdeutschlands, die Bereiche der Dämmerung, sie scheinen
erreichbar durch eine effektive Flüchtlingspolitik und eine
wirkungsvolle politische Kommunikation, die es unternimmt, Ängste zu
bewältigen. Dass es Ängste gibt, ist angesichts der großen
Herausforderung, vor der Deutschland und Europa stehen,
unvermeidlich. Deutschland und Europa werden sich durch die
Flüchtlingsströme verändern, müssen sich verändern. Es kann nur
darum gehen, im Interesse der Menschen in unserem Land, aber vor
allem im Interesse der Menschen, die zu uns kommen, diese Ängste
durch kluges politisches Handeln und bürgerschaftliches Engagement
gemeinsam zu bewältigen.
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*Die Metapher "Herz der Finsternis" ist gewählt in Anlehnung an die Erzählung "Heart of Darkness" von Joseph Conrad, 1899.
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*Die Metapher "Herz der Finsternis" ist gewählt in Anlehnung an die Erzählung "Heart of Darkness" von Joseph Conrad, 1899.
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