Sonntag, 2. Dezember 2018

Flönz: Schweineblut und Kulturkampf


Ich war nie wirklich ein Fan von Kölschem Kaviar. Kölscher Kaviar ist Flönz mit Öllich, Mostard und Röggelche (Für Nicht-Rheinländer: Blutwurst mit Zwiebeln, Senf und Roggenbrötchen). Als Kind hatte ich mal gesehen, wie Flönz zubereitet wird. Das sind so Schicksalsmomente, die über lebenslange Leidenschaft oder lebenslange Abneigung entscheiden. Bei mir war es die Abneigung. Im Moment aber entdecke ich mein Herz für die verschmähte deutsche Blutwurst. Flönz ist zum Symbol des deutschen Kulturkampfes geworden. Es geht dabei nicht um Blut und Schweinefleisch in der Wurst. Es geht um Souveränität und behauptete Identität. Fehlende Sensibilität wird den Veranstaltern der Islamkonferenz vorgeworfen. Das Gegenteil ist aber richtig: Wir leben in einer Kultur der Hypersensibilität, die nur Folge einer starken kollektiven Verunsicherung sein kann. Es gibt starkes Schuldbewusstsein, das uns zu einer Überservilität, einem ständig vorauseilenden Gehorsam verleitet, zu einer Überanpassung: Wir wollen es immer allen Recht machen. Aber wir vergessen dabei uns selbst, geben uns viel zu oft selbst auf. Wir haben eine wundervolle Kulturtradition, auf die wir selbstbewusst stolz sein sollten. Die wir engagiert verteidigen sollten, gegen jeden, immerzu. Dazu gehört Blutwurst. Flönz. Kölscher Kaviar. Ob man ihn mag oder nicht.
(Foto: Wikipedia)

Freitag, 30. November 2018

Parfum


Völlig zu Unrecht werden die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten immer pauschal verurteilt. Mit der sechsteiligen Serie "Parfum" nach Motiven des Bestsellers von Patrick Süskind ist dem ZDF ein wahres Meisterwerk gelungen: Ein Crime-Spektakel mit grandiosem Tiefgang und solidem psychologischen Hintergrund. Der Sechsteiler bietet genug Stoff für ein Semester Psychopathologie. Die Figuren sind meisterhaft ausgearbeitete Chimären aus Tätersein und Opfersein, kaum eine Facette psychischer Verletzung und Deformation bleibt ausgespart. In seiner Zusammenraffung ein übles Portrait unseres Menschseins, aber in jedem Detail ein realistisches. Ein Parforceritt durch menschliche Abgründe wie in der Geisterbahn, liebevoll entsetzlich und berührend grauenvoll.

https://www.zdf.de/nachrichten/heute/parfum-serie-zdf-neo-100.html?fbclid=IwAR2VWU7CAAlGOVZr3cNYm0Cop7P9Xjwpo6MxmfHEovSzSyYs2YuS5EF5ogQ

 https://www.zdf.de/serien/parfum/darum-gehts-114.html

Montag, 4. Dezember 2017

Die wertvollsten Momente im Leben


Die wertvollsten Momente im Leben

Da war so ein Septemberspätnachmittag im Südburgenland, mäßig warm, leicht bewölkt. Ein kleiner Buschenschank im Weinberg, rauhe, hölzerne Tische im Freien unter einem mächtigen Walnussbaum. Die Wirtin hat uns einladend hinaufgewunken, meine Frau und mich. Nur sehr wenige Urlauber kommen unter der Woche an den kleinen Holzhäuschen im Weinberg vorbei. Es ist völlig ruhig, weltvergessen. Die Wirtin ist sehr freundlich, hat einen reizenden südburgenländischen Akzent. Wir bestellen einen Uhudler, dazu Fladenbrot und Schmalz. Der Uhudler ist ein Cuvee aus roten Hybridsorten, Direktträger. Er schmeckt säurebetont, das Bukett ist äußerst intensiv und erinnert an Johannisbeeren oder schwarze Ribiseln, wie die Österreicher sagen.

Es ist ein einzigartiger Wein. Es sind einzigartige Momente. Wir genießen, sind uns nah, fühlen uns geborgen, empfinden intensive unverwechselbare Momente.

Dieser Wein schmeckt nie gleich. Es kommt auf die Reben an, auf den Boden und die Kunst der Winzerin. Aber es kommt auch und vor allem auf die Situation an, in der man ihn trinkt. An jenem Spätnachmittag kam es auf die Wolken an. Auf den Geruch in den Weinbergen. Auf den Walnussbaum und die rauhen Holztische. Auf die Freundlichkeit der Wirtin und auf die offene, gelöste Stimmung meiner Frau. Auf das Blümchenkleid, das sie trug und auf ihren Geruch. Auf ihr Lachen und den Wind in ihren Haaren. Alles zusammen ergab einen unverwechselbaren Geschmack des Uhudlers. Und unverwechselbare, einzigartige Momente.

Das Wertvolle im Leben ist das Einzigartige. Wertlos hingegen ist das Normale, das Typische, das Austauschbare. In unserer Massengesellschaft herrscht aber überall das Normale, das Typische und das Austauschbare vor. Die Massengesellschaft ist eine Gesellschaft des Wertlosen. Die wertvollen, einzigartigen Momente sind sehr selten geworden. Wir finden sie nur noch am Rande des Lebens, in der Provinz, an der Peripherie. Wie in jenem Buschenschank im Weinberg, im Grenzland zu Ungarn, wohin sich selten ein Urlauber verirrt.

Der Einmaligkeit des Erlebens entspricht die Einzigartigkeit des Menschen. Wir sind dann vollkommen menschlich, wenn wir einzigartig sind, individuell und unverwechselbar. Je unverwechselbarer wir sind, umso weniger entsprechen wir der Norm. Unsere Individualität müssen wir uns erkaufen um den Preis der Normalität und der Idealität. Je weniger wir der Norm entsprechen, umso mehr aber sind wir Persönlichkeit.

Persönlichkeit ist immer gerichtet auf Gemeinschaft. Erst in der Gemeinschaft und für die Gemeinschaft gewinnt die individuelle Persönlichkeit Identität. Umgekehrt gewinnt auch die Gemeinschaft ihren Charakter und ihre Identität erst aus dem Zusammenspiel freier, individueller Persönlichkeiten. Individualität und Gemeinschaft bedingen einander.

Das Gegenstück zur Gemeinschaft freier Menschen ist die Massengesellschaft. Die Gesellschaft der Masse kennt nur Nutzen und Funktionalität. Sie kennt keinen Sinn und keinen Wert. Ebenso wenig respektiert sie menschliche Freiheit und menschliche Würde. Die Massengesellschaft vergöttert den Typus, das Durchschnittliche und das Normale. Individualität und menschliche Freiheit müssen in der Massengesellschaft untergehen. Ebenso die menschliche Würde.

Menschen flüchten sich in die Masse, weil sie in der Masse der Verantwortlichkeit entgehen können. In der Masse sind alle gleich. Die Persönlichkeit löst sich auf im Kollektiv. Kollektive Nichtunterscheidbarkeit bedeutet kollektive Verantwortung. Kollektive Verantwortung bedeutet aber kollektive Verantwortungslosigkeit, denn am Ende ist jeder für alles und niemand für irgendetwas verantwortlich. Die Gesellschaft der Masse wird zum Konglomerat verantwortungsloser entpersönlichter Wesen.

Freiheit bedeutet die Loslösung von der Gebundenheit an den Typus. Den Mut zur Persönlichkeit jenseits der Norm. Die Bereitschaft, für sich und andere Verantwortung übernehmen zu wollen. Freiheit erwirkt das menschliche Ideal der Einzigartigkeit und Unverwechselbarkeit. Sie macht uns zur Persönlichkeit und sowohl zum wertgebundenen wie zum wertvollen Wesen.

Finden wir doch den Mut zur Einzigartigkeit und Unverwechselbarkeit, zur Freiheit und zur Verantwortung. Gehen wir hinaus in die abgelegenen Weinberge des Lebens und suchen wir doch die verborgenen Buschenschänken. Hier begegnet uns der unverwechselbar schmeckende Wein, hier treffen wir mit einigem Glück auf die Momente voller Wert und dem Bewusstsein menschlicher Würde.


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Wer glaubt, etwas zu sein, hat aufgehört, etwas zu werden. (Sokrates)

Mittwoch, 15. November 2017

DSM-Syndrom, Sexismusproblem (in Bearbeitung)

Wir können diese Scheindebatte als Teil dessen ansehen, was DSM-Syndrom genannt wird. Das DSM ist das "Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders" (Diagnostischer und statistischer Leitfaden psychischer Störungen) und ist eines der beiden dominierenden psychiatrischen Klassifikationssysteme. Die Anzahl der im DSM aufgeführten Krankheiten und Störungen ist stetig von 106 (DSM-I) auf heute 374 (DSM-5) angestiegen. Die aktuelle Version DSM 5 beschreibt als Neuerungen so richtungsweisende Diagnosen wie "Hypersexuelle Störung, Prämenstruelle Dysphorische Störung oder Disruptive Stimmungsdysregulationsstörung". Hier wird Verhalten systematisch pathologisiert und problematisiert, der Bereich des "Normalen" immer weiter ausgedünnt und Rarität zur Devianz erklärt. Wo einst Verhaltensvielfalt war, wird Normabweichung diagnostiziert. Das Normale ist aber ebenso wie das Korrekte ("political correctness") ein menschengemachtes Konstrukt. Machen wir diese Konstrukte zur Zielvorgabe von Verhalten, reduzieren wir Vielfalt, beschneiden wir Freiheit und befördern totalitäre Tendenzen.

 Das Problem ist nicht das DSM. Auch nicht, wieviel das Buch kostet. Das Problem ist die zunehmende Tendenz, Verhalten zu pathologisieren, zu problematisieren, als inkorrekt zu stigmatisieren und einer Normierung und Verhaltenskontrolle zu unterwerfen. Das erleben wir im DSM genauso wie in diesem Thread.

Sonntag, 5. November 2017

Gesundheitspsychologie

Die Gesundheitspsychologie ist der wissenschaftliche Beitrag der Psychologie zur:
  • Förderung und Erhaltung von Gesundheit
  • Prävention und Behandlung von Krankheiten
  • Förderung der Rehabilitation
  • Identifikation von psychischen Faktoren, die zur Entstehung von Krankheiten beitragen
  • Identifikation von Determinanten des Krankheitsbewältigungs- und Genesungsprozesses und zum
  • Einfluss des Zusammenwirkens zwischen Gesundheitssystem und Patient auf das individuelle Gesundheitsverhalten.
Die Gesundheitspsychologie beschäftigt sich mit personalen, sozialen und strukturellen Faktoren, welche die Gesundheit beeinflussen. Die Gesundheitspsychologie geht davon aus, dass Gesundheit mehr ist als die Abwesenheit von Krankheit, und vertritt ein positives Verständnis von Gesundheit. Sie entwickelt Theorien und Modelle zur Entstehung und zur Aufrechterhaltung von gesundheitsbeeinträchtigenden und gesundheitsförderlichen Einstellungen und Verhaltensweisen und konstruiert Verfahren zu deren Diagnostik. Sie entwirft und evaluiert Interventionsprogramme, die zur primären, sekundären und tertiären Prävention sowie zur Unterstützung der Krankheitsverarbeitung eingesetzt werden und sowohl auf individueller als auch struktureller Ebene ansetzen.

Dienstag, 7. März 2017

Heimat - (k)ein Konzept für Liberale?


Liberale tun sich eher schwer mit dem Konzept der „Heimat“. Zum einen ist der Begriff historisch belastet, konnotiert mit der Blut-und-Boden-Ideologie der Nationalsozialisten. Damals wurde der Begriff stark regional verstanden und war verquickt mit rassistischem, ausgrenzendem und in Bezug auf die deutschen Ostgebiete häufig revanchistischem Gedankengut.

Zum anderen widerspricht das Heimatkonzept fundamental dem Typus des modernen krawattentragenden, magentafarbenen Freidemokraten, der sich gerne als Kosmopolit sieht: Maximal anpassungsfähig, mobil, flexibel, leistungs- und marktorientiert. Das Bodenständige, Gewachsene, Ursprüngliche und Identitäre, für das „Heimat“ steht, stört da nur. Bindung wird da leicht zur Anbindung, die an das Enge und Begrenzte fesselt.

Ist „Heimat“ also ein unliberales Konzept? Eines das wir lieber den Konservativen und Rechtspopulisten überlassen sollten?

Unbestritten erlebt der Heimatbegriff seit Jahren eine Renaissance – und das längst nicht nur in den konservativen und rechtspopulistischen Segmenten der Gesellschaft. Heimatgefühle feiern Hochkonjunktur und werden zum Sehnsuchtsort der Menschen. Ohne Zweifel müssen wir die Heimatwelle als Gegenbewegung zur globalisierten Welt verstehen, die den Menschen im Hinblick auf Mobilität, Flexibilität und Anpassungsfähigkeit immer mehr abverlangt und zunehmend viele Menschen überfordert. Es wäre ein großer Fehler, als Liberale dies nicht zur Kenntnis nehmen zu wollen und leichtsinnig darüber hinweg zu gehen: Globalisierung bedeutet Bindungsverlust, Verlust an Sicherheit und Wohlbehagen. Masseneinwanderung bedeutet Bedrohung des Identitären und Gewachsenen. Gefühle von Entfremdung und das als bedrohlich wahrgenommene Fremde in der Lebenswelt generieren Ängste, die das Leben der Menschen zunehmend prägen.

Aus psychologischer Sicht bedeutet „Heimat“ vor allem Identität und Bindung. Heimat ist sehr viel weniger ein Ort, als ein Lebensgefühl: Das Heimatkonzept schafft Sicherheit und Wohlbehagen, Überschaubarkeit und das so wesentliche Gefühl der Kontrollkompetenz, das Vermögen von Menschen, ihre Lebenswelt und ihren Alltag beeinflussen, verändern und gestalten zu können. Dabei sind Menschen extrem unterschiedlich: Ihre Bewältigungsstrategien sind ganz verschieden und ihre Heimatbedürfnisse sind ganz verschieden. Der eine fühlt sich im Gewusel der Megacity wohl, der andere in der beschaulichen Kleinstadt schon überfordert. Was uns aber alle eint, ist, dass wir nach Bindung streben und nach Identität.

Wir dürfen als Liberale, die wir vielleicht aufgrund von Persönlichkeitsmerkmalen weltoffener sind, Entfremdungstendenzen weniger schmerzhaft wahrnehmen, flexibler und mobiler sind als Andere, nicht die überfordern, die es nicht sind. Unsere Politik muss sich auch und bevorzugt an denen orientieren, die stärkere Sicherheitsbedürfnisse haben, die Fremdheit stärker bedroht, die fundamentale Veränderung und rascher Wandel stärker ängstigt.

Meine These ist, dass wir als Liberale das Heimatkonzept und - damit verbunden – die Heimatbedürfnisse der Menschen nicht leichtfertig ignorieren dürfen. Wenn wir die Menschen ernstnehmen wollen, müssen wir auch ihre Heimatbedürfnisse ernstnehmen. Wir brauchen ein eigenes freiheitliches Heimatkonzept, das mehr verkörpert als Dirndlkleid, Volksmusik und rustikale Dorfgasthöfe mit Hirschgeweihen über dem Stammtisch. Ein freiheitliches Heimatkonzept muss mehr sein als Kitsch, muss weltoffen Begrenztheit und Enge überwinden, muss Lebensräume gestalten, die Bindung und Identität zulassen und ein Lebensgefühl kultivieren, das menschlichen Bedürfnislagen entspricht.

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Kann man Angst vor dem Begriff "Heimat" haben, wird gerade gefragt. Es gibt Heimatkonzepte und -begriffe, die in der Tat beängstigen können. Wir dürfen deshalb den Heimatbegriff nicht den Rechtspopulisten überlassen, sondern brauchen einen eigenen freiheitlichen Heimatbegriff, der auf Vielfalt und Weltoffenheit aufbaut und menschlichen (psychischen) Bedürfnislagen entspricht. Es geht darum, Heimaten zu schaffen und Lebenswelten zu fördern, die Identität, Bindung, Kontrolle und Angstfreiheit ermöglichen und damit Garanten für psychische Gesundheit sind. 

An dem Konzept oben sind zwei Aspekte durchaus ungewöhnlich und durchaus nicht gängige Definition: Einmal, dass ich von Heimat "schaffen" spreche. Und zum anderen, dass ich "Heimat" im Plural verwende. Heimat so verstanden ist nicht singulär, es gibt nicht "die Heimat", die man nur entweder für sich akzeptieren kann oder nicht, auf die man exklusive Anspruchsrechte erhebt und damit Andere ausschließt. Heimat so verstanden, muss ich mir selber schaffen, muss ich wählen, muss ich aktiv gestalten. Heimat so verstanden, ist völlig individuell auf mich bezogen und auf meine spezifischen Bedürfnisse. Jeder Mensch hat folglich eine andere eigene Heimat, die sie oder er für ein gutes, gesundes Leben braucht. Ein solcher Heimatbegriff ist dann auch nicht autoritär, wie Wolf Dermann meint.

Bild: Rinderhaltung bei Behrensdorf (Kreis Plön). Solche Landschaften zum Wohlfühlen können im besten Sinne Heimat sein.